Spalter spalten

20. Februar 2026 |

Für den MATR-Blog Engine Room habe ich etwas über Nils Kumkars Buch Polarisierung geschrieben. Der Autor ist einer der wenigen Akademiker, der bei mir große Achtung genießt. Er denkt eigenständig, zuweilen gegen den Strich. Das ist in einem Berufsfeld, wo viel Opportunismus herrscht, selten. Und ich mag seinen Style – außer wenn er Schnauzer trägt. Die Erwartungen waren entsprechend hoch. Ich will nicht sagen, dass sie enttäuscht wurden. Es steckt da wieder viel Kluges drin. Aber man merkt, dass die Polarisierungsforschung nicht die eigentliche Domäne des Autors ist. So werden etwa die verschiedenen Ebenen und Dimensionen der Polarisierung vernachlässigt, so dass Kumkars Konzept der »kommunikativen Polarisierung« etwas in der Luft hängt. Vor allem mag ich mich mit zentralen Botschaften des Buchs nicht anfreunden, etwa, dass es eine Art Gegenpolarisierung gegen die spalterische Politik der »Anderen« brauche. Gewiss, es braucht offenen Streit über Interessen, Ziele, Programme, Strategien. Jedoch – und da steht Kumkar m.E. Kopf – muss das mehr den Streit mit dem »Wir« als mit dem »Anderen« meinen. Man muss die Spalter (aus den eigenen Reihen) spalten. Das ist die Dialektik der Depolarisierung.

Review: Holger Marcks, »Über Spaltung streiten. Nilks Kumkars Theorie der kommunikativen Polarisierung im Belastungstest«, auf: Engine Room, 19. Feb. 2026 (online hier).

München, Hamburg und zurück

22. Januar 2026 |

Postfaktische Narrative kommen nicht nur von rechts. Das zeigen Felix Zimmermann und ich im sozialrepublikanischen Panorama, das sich um zahlreiche Irrungen und Wirrungen der (radikalen) Linken dreht. Denn neben ordnungspolitischen Fragen befasst es sich zentral mit den Erzählungen, die linke Politik anleiten – von den Revolutionsmythen der sozialistischen Bewegung bis zum identitätspolitischen Bullshit des Woke-Phänomens. In zwei Vorträgen für die GWUP – einmal in München, einmal in Hamburg – habe ich dieses Thema gesondert behandelt. Dabei wurden an konkreten Beispielen die epistemischen Probleme linker Politik und ihre ideengeschichtlichen Hintergründe aufgezeigt.

Vortrag: »Postfaktische Narrative von links: Von der Alten bis zur Neuesten Linken«, am 15. Dez. 2025 bei Skeptics in the Pub München sowie am 21. Jan. 2026 bei Skeptics in the Pub Hamburg.

Zivile Saalschlacht

30. November 2025 |

Am Wochenende diskutierte ich auf einem Panel zu »Macht, Geld, NGO«. Der PEN Berlin hatte wieder zum Kulturkongress (a.k.a. Saalschlacht) geladen und ein paar heiße Themen angepackt: zum Beispiel das Wirken der staatlich geförderten Zivilgesellschaft, die zuletzt vermehrt in die Kritik geraten ist. Mit von der Partie waren Ulrike Winkelmann (taz), Timo Reinfrank (Amadeo-Antonio-Stiftung) und Morten Freidel (NZZ Deutschland). Letzterer ersetzte den kurzfristig ausgefallenen Journalisten Jan Fleischhauer. Der linken Empörung über »Angriffe auf die Zivilgesellschaft« mochte ich mich dabei nicht anschließen. Eine kritische Durchleuchtung des sog. NGO-Komplexes ist aus demokratietheoretischer Sicht legitim und sogar wünschenswert. So wie auch und gerade aus linker bzw. herrschaftskritischer Sicht eine Verschränkung von Zivilgesellschaft und Staat stets zu hinterfragen ist. Das Einigeln in einer Wagenburgmentalität hingegen gibt keine Antworten auf berechtigte Zweifel – und überlässt die Kritik denen, deren Deutungsangebote oft verschwörungstheoretisch übersteuern. Die Diskussion verlief kontrovers, aber zivil.

Podiumsdiskussion: »Macht, Geld, NGO« (moderiert von Catherine Newmark), im Rahmen des PEN Berlin Kulturkongresses 2025, im Holzmarkt 25 zu Berlin, 29. Nov. 2025 (mehr Infos hier; Kongress-Doku hier).

Deep Dive Austria

25. November 2025 |

Der Wissenschaftsverein Kärnten (a.k.a. Landschaft des Wissens) wollte es wissen: Wie bedrohen soziale Medien die Demokratie? Darüber sprachen ich und Barbara Prainsack im Rahmen der Reihe »Wissen schafft Gesellschaft«. Es war der zweite Termin der Reihe, die sich dem Thema »Radikalisierung: Gefahr für die Demokratie?« widmet und im Januar mit einer Diskussion zwischen Konrad Paul Liessmann und Michel Friedman endet. In meinem Vortrag, für den ich in die österreichischen Tiefen hinuntertauchte, sprach ich zum einen über die Bedrohungserzählungen, die den digitalen Faschismus anleiten, zum anderen über die Gegenbewegung, die sich dazu formiert hat – und wie dieser Konflikt Polarisierungsdynamiken in verschiedenen Politikfeldern einkerbt. Eine Veröffentlichung des Vortragsskripts ist von Seiten des Vereins geplant.

Vortrag: »Radikalisierung im Netz. Phänomene und Perspektiven«, 2. Teil der Reihe »Wissen schafft Gesellschaft« des Wissenschaftsvereins Kärnten, im Bambergsaal zu Villach, 24. November 2025 (mehr Infos hier).

Wreckless Erik

17. November 2025 |

Das NDR-Medienmagazin Zapp hat sich mit dem Berufsspinner Erik Ahrens befasst, also jenem Typen, der – wie er selbst gesteht – für politischen Fame alles machen würde: sich zum Beispiel in die Rolle eines neuen Hitlers oder Goebbels hineinsteigern, weil man bei der extremen Rechten ein Ticket für Machtgewinnung sieht. Ja, das hat Ahrens, ein politischer Wendehals, tatsächlich so geschildert nach seinem (natürlich) inszenierten Ausstieg aus der rechten Szene. Und eben dieser Ausstieg ließ Zapp fragen: »Doch was ist echt an dieser Wandlung? Und was nur die nächste Bühne eines professionellen Selbstvermarkters?« Darüber sprach ich mit der Redaktion. Konkret etwa darüber, warum ihr Medienmagazin diese nächste Bühne ist; und darüber, dass Ahrens Image als digitales Mastermind eine mediale Überhöhung seiner eigenen Mythenbildung ist; und darüber, dass seine ideologischen Verformungen von Geltungssucht getrieben sind; und darüber, dass seine aktuellen Versuche, sich im Digitalen zu inszenieren, volatil, verzweifelt und dilletantisch aussehen; und darüber, warum Maximilian Krah auch unabhängig von Ahrens sozial-medial gut funktionieren konnte; und darüber, dass die digitalen Erfolge der AfD weniger mit deren Können als mit Problemen der etablierten Parteien zu tun haben. Viel interessanter Stoff also – von dem dann ein belangloser Schnipsel in die Sendung eingenäht wurde. Man soll das Publikum ja nicht überfordern.

Schnipsel: »Erik Ahrens: Der TikTok-Stratege der AfD«, Zapp: Das Medienmagazin, auf: ARD Mediathek, 12. November 2025 (online hier).

Volantaire II.

16. November 2025 |

Wieder mal sehr schön dokumentiert wurde die Veranstaltung Ende Juli in München, die unter dem Titel »Spaltpilz Migration? Die rechte und die linke Wand der Polarisierung« firmierte: die zweite Auflage des Club Volantaire. Der ganze Videomitschnitt findet sich mittlerweile auf dem YouTube-Kanal des Clubs. Geschnitten in drei Teile, sind dort alle Wortbeiträge von Varnan Chandreswaran, Maryam Giyahchi, Nikil Mukerji, Sebastian Schnelle, Rebecca Schönenbach und mir zu sehen und zu hören. Auch darin enthalten sind die Impulsbeiträge von Ahmad Mansour und Melita Šunjić. Aus meinen Notizen zum linken Versagen im Migrationsdiskurs werde ich eventuell noch ein Memo anfertigen.

Videomitschnitt: »Spaltpilz Migration? Die rechte und die linke Wand der Polarisierung«, Teil 1 bis 3, auf: YouTube, November 2025 (Teil 1 hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier).

Nürnberg und zurück

2. November 2025 |

Bei der Linken Literaturmesse 2025 in Nürnberg wurde auch das Panorama vorgestellt. Also bei jenem Event, das zwischen alternativkultureller Parallelgesellschaft und szenekonservativem Biotop schwankt, wo anarchistische Esoterik neben stalinistischer Folklore steht. Ich bin, zugegeben, nicht so scharf darauf, solchen Events beizuwohnen. Zumal, wenn wie hier in Nürnberg, Akteure das Bild prägen, die man als reaktionär, wenn nicht gar rotfaschistisch bezeichnen muss. Aber: Ich rede ja mit allen. Und es hat mich durchaus interessiert, wie man in diesem Teil der Linken gerade verschiedene Fragen diskutiert. Vom Panorama, das am Samstagmittag vorgestellt wurde, war jedenfalls ein Drittel des anwesenden Publikums erwartungsgemäß nicht so angetan. Auf Mistgabeln verzichtete man immerhin. Und ein paar sinnvolle Gespräche gab es durchaus auch noch.

Buchvorstellung: »Zurück nach vorn. Ein sozialrepublikanisches Panorama«, Linke Literaturmesse 2025 im Künstlerhaus Nürnberg, 1. November 2025 (mehr Infos und Programm hier).

Kitt oder Split?

24. Oktober 2025 |

Ein Beitrag aus der neuen Ausgabe von Machine Against the Rage, an dem ich als Co-Autor mitgewirkt habe, ist die aktuelle Blitzlicht-Analyse. Sie handelt von dem (gescheiterten) Compact-Verbot und seinen Auswirkungen. Oder genauer: von den Folgen, die das rund einjährige Kapitel für die Aufmerksamkeit des Magazins, für sein Standing in der rechtsalternativen Szene und für strategische Debatten in eben dieser hatte. Angeschaut haben wir uns dafür die Kommunikation der Szene auf Telegram. Die Analyse zeigt, wie die extreme Rechte aus staatlicher Repression Vorteile zu ziehen vermag, aber auch, wie die Frage des richtigen Umgangs mit der Repression szeneinterne Spannungen erzeugen kann. Der Beitrag ist die überarbeitete Version einer Analyse, die bereits Ende Juli im Engine Room vorveröffentlicht wurde.

Analyse: Franziska Martini, Christian Donner, Wyn Brodersen & Holger Marcks, »Bruchstellen im Mosaik: Das Compact-Verfahren im Spiegel der rechtsalternativen Szene«, in: Machine Against the Rage, Nr. 8, Spätjahr 2025 (online hier).

Frankfurt und zurück

20. Oktober 2025 |

Gestern stieg das offizielle Release-Event zur Druckfassung des sozialrepublikanischen Panoramas. Und zwar im Café Koz in Frankfurt, auf dem alten Campus Bockenheim der Goethe-Universität. Mitveranstaltet vom AStA der Uni Frankfurt, boten wir, die Autoren Felix Zimmermann und ich, in knackigen zweieinhalb Stunden einen schnellen Ritt an den Eckpunkten des Werks vorbei. Unsere Sprecherin Eva Engert las dabei aus ausgewählten Passagen vor. Obendrein wurde das Ganze auch noch live gestreamt. Die Aufzeichnung wird man demnächst sicherlich online auch noch nachträglich schauen können.

Release: »Zurück nach vorn. Ein sozialrepublikanisches Panorama«, Vortrag, Lesung und Diskussion im Café Koz zu Frankfurt a.M., 19. Oktober 2025 (mehr Infos hier).

Noting in the Name

18. Oktober 2025 |

Nach längerer Pause gibt es wieder eine Ausgabe von Machine Against the Rage, dem Online-Magazin für digitale Konfliktforschung. Als Schwerpunktstudie gibt es diesmal eine umfassende Analyse deutschsprachiger Community Notes auf X: jenes Konzept der kollektiven Inhaltsprüfung also, das Möchtegern-Imperator Elon Musk anstelle der bisherigen Faktenchecks setzen möchte. Außerdem blicken wir im Radar auf drei Jahre Monitoring des rechtsalternativen Telegram-Kosmos zurück. Abgerundet wird das Ganze durch eine Analyse, wie sich das Compact-Verbotsverfahren auf die Diskussionen in der Szene ausgewirkt hat, die das rechtsextreme Magazin umgibt. Damit ist der Relaunch des Magazins vollendet, das sich seit diesem Jahr in Trägerschaft des IDZ in Jena befindet. Dort, im Trafo, wurde das Ereignis denn auch mit einem Event begangen, wo die neue Ausgabe vorgestellt wurde – gefolgt von einer spannenden Podiumsdiskussion zur Zukunft von Faktencheck & Co.

Release: Machine Against the Rage, »Noting in the Name of Truth? Community Notes und der politische Streit um Fakten«, Ausgabe Nr. 8 des Online-Magazins für digitale Konfliktforschung, Spätjahr 2025 (online hier).