Neues

Politischer Seuchenschutz

24. Juli 2026 |

Ein Schritt nach rechts – und zack profitiert das Original vom rechten Rand! Trotz seiner offensichtlichen Unterkomplexität gilt das Narrativ von der Normalisierung rechter Narrative vielen als wissenschaftlich verbürgte Wahrheit. Im linken Lager hat es fast schon den Status einer heiligen Kuh. Der daraus abgeleitete Imperativ, dass man auf Inhalte von Rechtsaußen nicht eingehen dürfe, fungiert entsprechend als quasireligiöses Gebot. Diejenigen, die es infrage stellen, werden denn auch oft behandelt, als würden sie Dämonen die Tür öffnen. Warum dieses deterministische Narrativ eine starke Vereinfachung darstellt, zumindest in der üblichen Eindeutigkeit, habe ich für das »Politische Feuilleton« von Deutschlandfunk Kultur im Radio kommentiert. Abgestellt wird darin vor allem auf das epistemische Problem, das die Erzählung erzeugt: Ihre Moral wirkt entpolitisierend. Denn wenn man den politischen Gegner bloß als moralische Seuche begreift, verlernt man, wie Chantal Mouffe einst argumentierte, das Denken über wichtige Probleme der politisch-strategischen Auseinandersetzung. Der Brandmauer-Diskurs, in dem das Narrativ ein wichtiger Baustein ist, sorgt so für eine Art geistige Verarmung – bis sich immer mehr »rübermachen«.

Audio-Kommentar: Holger Marcks, »Der Kampf gegen rechts basiert auf falschen Annahmen«, auf: Deutschlandfunk Kultur, 23. Juli 2026 (online hier).

Repräsentationskrise²

13. Juli 2026 |

Kurt Eisner schrieb einmal, die Sozialdemokratie sei »eine bis zur Karikatur getreue Volksausgabe des Staates, in dem sie lebt«, geworden. Warum diese Formel in der Gegenwart eine neue Bedeutung erhält, darüber habe ich etwas für den »Vorwärts« geschrieben, also für jenes altehrwürdige Organ der SPD, dem Eisner selbst von 1900 bis 1905 als De-facto-Chef vorstand. Während Eisner damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, beklagte, dass die SPD zu einem Abbild des wilhelminischen Obrigkeitsstaats geworden sei, lässt sich die Feststellung heute nochmals anders wenden: Die Sozialdemokratie hat indessen nämlich die Sozialstruktur des staatlichen Repräsentationssystems übernommen – und damit auch seine Repräsentationskrise. Warum das bestehende Parteiensystem ein »Parlament der Akademiker« hervorbringt, warum gerade die Veränderung der Sozialstruktur bei der SPD folgenreich für das Gesamtsystem war, warum sich das Abwandern von Arbeitern an die AfD gut mit der Forschung zu kultureller Polarisierung erklären lässt und warum die Lösung schwierig erscheint, wenn man auch die Organisationssoziologie ernst nimmt, erklärt der Text.

Artikel: Holger Marcks, »Warum die Krise der Sozialdemokratie lösbar und unlösbar zugleich ist«, in: Vorwärts, 13. Juli 2026 (online hier).

Volantaire III.

3. Juli 2026 |

Ende Mai sollte der dritte Club Volantaire in Hamburg steigen, also jenes Gesprächsformat, bei dem ich bereits zwei Mal zu Gast war. Diesmal zur Kritik des Queerfeminismus. Allerdings gab es wegen Thema und Besetzung etwas Hysterie im Umfeld des Veranstaltungsortes (man kennt es ja), weswegen der Betreiber die Veranstaltung kurzfristig absagte. Da ein Ausweichort nicht mehr rechtzeitig gefunden werden konnte, exilierte die Runde ins Altersfilm-Studio, wo dann ohne Publikum eine Studio-Version aufgenommen wurde. Wegen der beschriebenen Wendung baten mich jedenfalls die Veranstalter um ein Interview jenseits der Gesprächsrunde, um derlei Cancelpraktiken konfliksoziologisch einzuordnen. Ausschnitte dieses Interviews fanden dann ihren Weg als MAZ in die Sendung, die nun veröffentlicht wurde. Erläutert werden dabei die queerpolitischen Diskursverschiebungen in Bezug auf den Geschlechtsbegriff, wie dadurch das Feindbild der TERFs strukturiert wurde und wie sich der daraus folgende Hass in die neolinke Cancel Culture einfügt. Man kommt dabei nicht umhin festzustellen, dass insbesondere rund um die Causa Vollbrecht eine diskursive Engführung stattgefunden hat, mit der nicht nur der Begriff der Transfeindlichkeit massiv ausgedehnt, sondern auch ein begriffliches Chaos geschaffen wurde, das geschlechterpolitische Debatten bis heute belastest und zur Polarsierung beiträgt.

Video: Club Volantaire, »Was ist eine Frau? Feminismus außer Rand und Band«, auf: YouTube, 2. Juli 2026 (online hier).

Apocalypse Wow

24. Juni 2026 |

Im Stuttgarter Renitenztheater stieg gestern der dritte Teil von »Ha Ha Haltung – Ein satirisches Nach-oben-Treten«. Das ist eine Bühnenshow der Performancegruppe »die apokalyptischen Tänzer*innen«. Dazu gehören neben den drei charmanten Artists und weiteren Gästen etwas Kabarett, etwas Musik und auch ein bisschen Politik. Als nicht so theateraffiner Mensch weiß ich immer noch nicht so ganz, was ich da gesehen habe. Es war aber definitiv sehr unterhaltsam und abwechslungsreich. Besonders gut gefallen hat mir der Auftritt der sehr gewitzten Karimael Buledi, wenngleich ich von dem Dildotiramisu nichts abbekommen habe. Nachdem in den ersten beiden Teilen u.a. Ricarda Lang, Erwin Köhler und Simone Rafael als Diskurselemente dabei waren, durfte ich diesmal die Rolle mit Maxime Van Velzen von der Grünen Jugend Mannheim einnehmen, was das Gespräch denn auch zu einem Lokalderby machte. Es ging um Humor und Politik in digitalen Zeiten – und warum das eine ernste Angelegenheit (für manche) ist.

Disko: Im Gespräch mit den apokalyptischen Tänzer*innen (zusammen mit Maxime Van Velzen), »Ha Ha Haltung – Ein satirisches Nach-oben-Treten«, Teil III, am 23. Juni 2026 im Renitenztheater Stuttgart (mehr Infos hier).

Drama Kolumna

22. Mai 2026 |

Man stelle sich folgende Headline vor: »Rechtsextremist Martin Sellner diskutiert über Remigration auf rechtem Netzwerktreffen« – verbreitet über die größten Medien des Landes. Und dann gehen Millionen auf die Straße. Über Wochen. Klingt seltsam? Ist es auch. Und doch ist das Anfang ‘24 passiert. Also quasi: Wenn man die mediale Botschaft von damals auf ihren Tatsachenkern reduziert. Verbreitet wurde freilich etwas anderes: »Geheimplan gegen Deutschland«, »Masterplan«, »Massendeportationen«, »Wannseekonferenz 2.0«… Auf den Protesten wähnte man sich kurz vor 1933 (oder 1942) und die Demokratie im Endgame. Ihr Impact wurde nur möglich durch die Vorstellung, hier würde eine Art ethnische Säuberung durch eine nennenswerte politische Kraft vorbereitet. Die Formel von einem AfD-Geheimtreffen war in aller Munde. Warum hier hyperbolisches Framing und dramatisches Storytelling wirkten, habe ich für das »Politische Feuilleton« von Deutschlandfunk Kultur im Radio kommentiert – und auch, warum postfaktische Dynamiken im Kampf gegen rechts soziologisch geradezu erwartbar sind.

Audio-Kommentar: Holger Marcks, »Desinformation gibt es auch von links. Kommentar zu Correctiv-Bericht«, auf: Deutschlandfunk Kultur, 22. Mai 2026 (online hier).

Zensur, Zensur

17. Mai 2026 |

Für die neue MATR-Ausgabe haben sich Harald Sick und ich einen Ausschnitt der digitalen Zensur-Debatte angeschaut, um die normativen Konflikte zu entschlüsseln, die dahinter liegen. Wir erfassen dabei die groben Konturen der Debatte, sortieren die Vektoren, entlang derer sich der Zensurvorwurf entfaltet, und schauen uns die Kontroversen um § 86a StGb (Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen) genauer an. Da das Instrument nicht für Zensur im engeren Sinne steht, der Vorwurf hierum aber dennoch kursiert, lassen sich daran Scharniere identifizieren, die zur Weitung des Begriffs führen – und mit wissenschaftlichen Debatten ins Verhältnis setzen. Für Historiker wenig verwunderlich: Der Begriff unterliegt Deutungskämpfen: Zwischen Vorstellungen staatlicher Repression und sozialer Kontrolle fungiert er stets auch als Chiffre für bedrohte Meinungsfreiheit. Dass die Begriffe der Zensur oder Meinungsfreiheit als Kampfbegriffe verwendet werden, ist quasi historisch normal. Es gibt dabei aber meist einen sachlichen Kern, der ernst zu nehmen ist. Mitunter drückt sich darin ein Unbehagen über Entwicklungen aus, dem die beteiligten Akteure nicht immer die beste Sprache geben, um verstanden zu werden. Die Aufgabe des Soziologen wäre es eigentlich, hier Übersetzungsleistung zu erbringen – statt Ideologieproduktion für eine der Konfliktparteien zu betreiben.

Beitrag: Holger Marcks & Harald Sick, »Wird man doch noch posten dürfen. Die normative Konfliktstruktur der digitalen Zensur-Debatte«, in: Machine Against the Rage, Nr. 9, Frühjahr 2026 (online hier).

From a Trend Down Under

14. Mai 2026 |

Die neue Ausgabe von Machine Against the Rage, des Online-Magazins für digitale Konfliktforschung, ist da. Als Schwerpunktstudie gibt es diesmal eine umfassende Analyse zu Antisemitismus auf TikTok, die detailreich die Partitionen und Dichten digitalen Judenhasses aufarbeitet. Außerdem schauen wir uns im Radar an, wie man sich die Epstein-Verschwörung so in rechtsalternativen Kreisen auf Telegram erzählt. Und obendrein gibt es noch eine Blitzlicht-Analyse zur digitalen Zensur-Debatte, in der die normativen Konflikte herausgearbeitet werden, die hinter den Vorwürfen der Zensur bzw. einer wahrgenommenen Bedrohung von Meinungsfreiheit stecken. Abegerundet wird das Ganze durch eine generalüberholte Rundschau, die sich von nun an auf die Vorstellung aktueller Studien konzentriert, die für die digitale Konflitkforschung relevant sind.

Release: Machine Against the Rage, »From a Trend Down Under. Partizipative Online-Kulturen gegen die da oben«, Ausgabe Nr. 9 des Online-Magazins für digitale Konfliktforschung, Frühjahr 2026 (online hier).

Das Antifa-Playbook

10. Mai 2026 |

Welche Wechselwirkungen vollziehen sich zwischen der extremen Rechten und ihren Gegnern in der digitalen Arena? Darüber sprach ich Ende letzten Jahres in einer Veranstaltungsreihe des Wissenschaftsvereins Kärnten. Hervorgegangen ist aus der Reihe nun ein Band mit Beiträgen aller Teilnehmer, darunter Michel Friedmann, Barbara Prainsack, Konrad Paul Liessmann – und eben ein Text von mir. Er versucht, die Mechanik eines zentralen Knotenpunkts der politischen Polarisierung zu rekonstruieren: das Spannungsverhältnis zwischen Rechtsextremismus einerseits und dem »Kampf gegen Rechts« andererseits. Eine Analyse jenes Interaktionsverhältnisses, das Polarisierungsdynamiken in verschiedenen Politikfeldern einkerbt, ist grundlegend, um die (Dys-)Funktionalität von Maßnahmen gegen Rechtsextremismus bewerten zu können. Viel zu lange wurde bereits vernachlässigt, wie auch im digitalen Antifaschismus (emotionale) Gruppendynamiken (postfaktische) Narrative erzeugen und wie diese wiederum Handlungslogiken und Konfliktdynamiken anleiten. Ein nüchterner Blick auf diese Probleme ist nötig. Denn das Playbook der antifaschistischen Reflexe und Routinen fügt sich derzeit gut in das der extremen Rechten ein.

Beitrag: Holger Marcks, »Spiegelbilder der Bedrohung. Wie der Kampf gegen Radikalisierung im Netz polarisierend wirkt«, in: Horst Peter Groß & Werner Drobesch (Hg.), Radikalisierung der Gesellschaft. Gefahr für die Demokratie (Klagenfurt u.a.: Wieser, 2026), S. 101–134.

IPG Meets Panorama

6. Mai 2026 |

Für das Journal für Internationale Politik und Gesellschaft (IPG-Journal) hat Roman Grabowski das Panorama rezensiert. Es ist eine luzide Besprechung, über deren lobende Worte man sich als Autor natürlich freut. Auch mit der Beschreibung als »radikal repräsentativ-demokratisch« kann man sich anfreunden. Und mit der Bezeichnung als »abtrünnige Linke« auch ein bisschen. Ebenso ist die Kritik, die in einer guten Besprechung nicht fehlen darf, völlig nachvollziehbar. Sie erkennt zentrale Probleme, an denen weiterzudenken ist. Wenngleich wir zu den demokratietheoretischen Leerstellen, die zurecht bemängelt werden, durchaus mehr zu sagen haben, als in den drei Bänden enthalten ist. Hier lässt sich weiter diskutieren.

Rezension: Roman Grabowski, »Repbublik im Umbau. Holger Marcks und Felix Zimmermann liefern eine streitbare Diagnose der Linken – und einen ungewöhnlichen Entwurf für mehr Demokratie«, auf: IPG-Journal, 5. Mai 2026 (online hier).

Sein und Streit

26. April 2026 |

Bei DLF Kultur sprach ich mit Michael Andrick über Meinungsfreiheit: ein vertrackter Themenkomplex, von dem das Gespräch nur einen kleinen Ausschnitt behandeln konnte. Dass ich dabei in vielen Punkten mit Andrick, der eine Einschränkung der Meinungsfreiheit recht deutlich kritisiert, gar nicht so uneinig bin, mag manche wundern. Muss es aber nicht. Wenn sich Demokraten unterschiedlicher Couleur einig sein können, dann ja in solch metapolitischen Themen, um die es vorwiegend im Gespräch ging. Und dazu gehört auch, die Tendenzen der Schädigung der Meinungsfreiheit durch vermeintlich progressive Milieus zu benennen. Die Probleme, die aus regulatorischen/gesetzlichen Maßnahmen, aber auch dem Zusammenwirken von Staat, NGOs, Behörden resultieren, sind dort definitiv unterproblematisiert. Und beides – die Tendenzen wie auch die Relativierung durch ihre Advokaten – ist soziologisch erwartbar. Warum immer wieder Kämpfe um Fragen geführt werden, die mit dem Thema verknüpft sind, warum dabei das Pendel mal so, mal so schwingt und warum zuletzt das linke Lager schlafwandelnd zu Einschränkungen drängte, erläutere ich im Gespräch.

Talk: »Meinungsfreiheit: Gefordert, gefördert, bedroht?«, im Gespräch mit Michael Andrick bei »Sein und Streit«, moderiert von Catherine Newmark, auf: Deutschlandfunk Kultur, 26. April 2026 (online hier).