Neues

Neue Demokratische Welle

27. August 2026 |

Am Dienstag habe ich im Radio von SWR1 mit Nicole Köster darüber geredet, inwiefern der »Kampf gegen rechts« überdreht und kontraproduktiv wirkt – und wie man Rechtsruck und Polarisierung ohne Weimar-Vibes analysieren kann. Dabei wurde einiges angerissen. Zum Beispiel, dass die Gründe für die aktuellen Dynamiken tiefer liegen, moralisierende Debatten aber den Blick auf das große Ganze verstellen. Oder dass wir es mit einer systemischen Repräsentationskrise zu tun haben, die mit einem kulturellen Klassenkonflikt zusammenfällt. Oder dass die Polarisierung von den Drama Queens der jeweiligen Lager geprägt wird; sie nötigen uns allen die entsprechenden Dynamiken auf. Auch über Alternativen wurde gesprochen. Zum Beispiel, dass es eine realistische Gefahreneinschätzung und zielgerichtetes Handeln braucht – statt Drama und Panik. Und eine aktive Depolarisierung, mit der Repräsentationslücken geschlossen werden. Und den linken Ausstieg aus dem Kulturkampf, der Wählerpräferenzen klassenförmig ordnet. Und eine Emanzipation der Grauzone, also ein Lager gegen die Lagerkämpfer, das die Polarköpfe in die Schranken weist. Und eine neue Verfassungsbewegung, die Probleme der Repräsentation neu durchdenkt, um den Ursachen der aktuellen Verwerfungen mit einem Update der Demokratie zu begegnen – eine neue demokratische Welle, so to say.

Sendung: »Polarisierung & Radikalisierung: So analysiert Holger Marcks aktuelle Debatten«, SWR1 Leute, auf: SWR, 25. August 2026 (Audio und Video online hier).

Blue Scare

25. August 2026 |

Der Kampf gegen rechts, eine moralische Panik? Darüber habe ich mit den Jungs von »Based« geredet. Also es ging um den Kampf gegen rechts aus soziologischer Perspektive. Insbesondere um die Rolle zivilgesellschaftlicher Strukturen, aber auch von Wissenschaft, Medien, Politik. Warum wird dieser Kampf geführt, wie er geführt wird? Was hat das mit sozialer Zusammensetzung und kulturellen Fragen zu tun? Wie entstehen postfaktische Dynamiken, warum wirken sie co-polarisierend? Wie hängt das mit politischer Homogenität und institutionellen Logiken zusammen? Welche Rolle spielen dramatische Erzählungen, welche Handlungslogiken folgen? Haben wir es womöglich mit einer »Blue Scare« zu tun? Und warum werde einige von dem Wort »NGO-Komplex« so getriggert?. Das sind Fragen, um die sich das Gespräch dreht. Es macht womöglich klarer, weshalb ich den Kampf gegen rechts für einen wichtigen Gegenstand halte, um politische Dynamiken der Gegenwart zu verstehen. Und auch, warum man solche Betrachtungen nicht mehr emotional aufladen sollte als kritische Analysen der Wirtschaftslage durch Ökonomen.

Video-Podcast: Based, Folge 139. Im Gespräch mit Benjamin Scherp und Dominik Steffens, auf: YouTube, 24. August 2026 (online hier).

Yin, Yang, Yong

21. August 2026 |

Vier Wochen nach dem CSD-Anschlag wäre eine nüchterne Debatte über seine Einordnung fällig. Doch die Instant-Gewissheiten digitaler Schwärme sind längst zu vermeintlichen Wahrheiten sedimentiert: Islamismus sei Rechtsextremismus – oder entspringe wegen seiner Queerfeindlichkeit demselben geistigen Übel wie die extreme Rechte oder gar der Konservatismus. Andere behaupten, AfD und Islamisten radikalisierten sich gegenseitig. Tatsächlich zielen Islamisten auf »Auslöschung der Grauzone«: Antimuslimische Reaktionen sollen weitere Radikalisierung begünstigen. Ob solche aber den Täter wirklich motivierten, müsste ebenso belegt werden wie ein Einfluss rechter Queerfeindlichkeit. Das Bild vom »Yin und Yang des Terrors« greift ohnehin zu kurz. Auch linke Reflexe können die von Islamisten gewünschten Gräben vertiefen. Treffender wäre es daher, vom »Yin, Yang und Yong der Polarisierung« zu sprechen. Was diese Triade ausmacht, wie das linke Lager den Anschlag für den Kampf gegen rechts funktionalisiert und wie dadurch sein transnationaler, antiwestlicher Charakter verblendet wird, erläutere ich im IPG-Journal.

Artikel: Holger Marcks, »Gefährliche Reflexe. Knapp einen Monat nach dem Anschlag auf den Berliner CSD lohnt der nüchterne Blick: Wie Terror zum Treibstoff politischer Lagerkämpfe wird«, in: IPG-Journal, 21. August 2026 (online hier; auf Englisch hier).

Entgleiste Diskurse

30. Juli 2026 |

Was läuft falsch im »Kampf gegen rechts«? Darüber schreibe und rede ich schon ein Weilchen. Nun habe ich dazu der NZZ ein Interview gegeben. Es hat ein Augenmerk auf der Rolle von NGOs in diesem Feld. Aber eigentlich geht es um einen breiteren Zusammenhang soziopolitischer Milieus, die jenen Kampf prägen. Und um Diskurse, die co-polarisierend, mitunter radikalisierend wirken, weil sie durch ständige Dramatisierung entgleist sind. Durch die löblich-kritischen Fragen konnte ich meine Kritik gut präzisieren. Das Framing mit der Botschaft »Insider erhebt schwere Vorwürfe« möchte ich aber noch kommentieren: Insider bin ich nur insofern, als ich im NGO-Bereich arbeite; um Interna geht es nicht. Das ist halt meine soziologische Sicht auf das Feld. Eher noch kann man das der teilnehmenden Beobachtung zuordnen. Es geht im Interview um große Linien, um Strukturen und Diskurse, Interessen und Zwänge, Mechanismen und Prozesse. Nicht um konkrete Institutionen oder Personen. Ich sage auch nicht, dass Gefahren »bewusst« überzeichnet werden, sondern vielmehr unbewusst. Die Beteiligten handeln nämlich nach ihrem Wissen und Gewissen. Die Frage ist, wie ihre Wissensordnung zustande kommt, die Deutungen und Handlungen anleitet. Dazu dann ein andern Mal mehr.

Interview: »Der ›Kampf gegen rechts‹ ufert aus. Ein Mitarbeiter einer linken NGO erhebt schwere Vorwürfe« (im Gespräch mit Morten Freidel), in: NZZ, 28. Juli 2026 (online hier).

Wie Linke reden

27. Juli 2026 |

Das Angstlied »Keine Angst« von Danger Dan sollte eine Diskussion über Widerstand gegen Rechtsextremismus anstoßen. So rechtfertigen etwa die Macher von »Die Anstalt« ihren Versuch, militante Fantasien auf die öffentlich-rechtliche Bühne zu bringen. Die Diskussion haben sie – auch gerade wegen der Unterbindung – bekommen. Und sie ist natürlich keine Einbahnstraße. Wenn wir über Faschismus und Antifaschismus reden, dann müssen wir auch darüber sprechen, welche Diskurse dazu führen, dass solche Mittel jenseits der Rechtsstaatlichkeit plötzlich im ÖRR zur Diskussion stehen sollen – und was man damit überhaupt bezweckt. Darüber und über allgemeinere Probleme des linken Diskurses habe ich mit »Wie Rechte reden« gesprochen.

Interview: »Wie Linke reden« (im Gespräch mit »Wie Rechte reden«), auf: Wie Rechte reden, 25. Juli 2026 (online hier).

Politischer Seuchenschutz

24. Juli 2026 |

Ein Schritt nach rechts – und zack profitiert das Original vom rechten Rand! Trotz seiner offensichtlichen Unterkomplexität gilt das Narrativ von der Normalisierung rechter Narrative vielen als wissenschaftlich verbürgte Wahrheit. Im linken Lager hat es fast schon den Status einer heiligen Kuh. Der daraus abgeleitete Imperativ, dass man auf Inhalte von Rechtsaußen nicht eingehen dürfe, fungiert entsprechend als quasireligiöses Gebot. Diejenigen, die es infrage stellen, werden denn auch oft behandelt, als würden sie Dämonen die Tür öffnen. Warum dieses deterministische Narrativ eine starke Vereinfachung darstellt, zumindest in der üblichen Eindeutigkeit, habe ich für das »Politische Feuilleton« von Deutschlandfunk Kultur im Radio kommentiert. Abgestellt wird darin vor allem auf das epistemische Problem, das die Erzählung erzeugt: Ihre Moral wirkt entpolitisierend. Denn wenn man den politischen Gegner bloß als moralische Seuche begreift, verlernt man, wie Chantal Mouffe einst argumentierte, das Denken über wichtige Probleme der politisch-strategischen Auseinandersetzung. Der Brandmauer-Diskurs, in dem das Narrativ ein wichtiger Baustein ist, sorgt so für eine Art geistige Verarmung – bis sich immer mehr »rübermachen«.

Audio-Kommentar: Holger Marcks, »Der Kampf gegen rechts basiert auf falschen Annahmen«, auf: Deutschlandfunk Kultur, 23. Juli 2026 (online hier).

Repräsentationskrise²

13. Juli 2026 |

Kurt Eisner schrieb einmal, die Sozialdemokratie sei »eine bis zur Karikatur getreue Volksausgabe des Staates, in dem sie lebt«, geworden. Warum diese Formel in der Gegenwart eine neue Bedeutung erhält, darüber habe ich etwas für den »Vorwärts« geschrieben, also für jenes altehrwürdige Organ der SPD, dem Eisner selbst von 1900 bis 1905 als De-facto-Chef vorstand. Während Eisner damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, beklagte, dass die SPD zu einem Abbild des wilhelminischen Obrigkeitsstaats geworden sei, lässt sich die Feststellung heute nochmals anders wenden: Die Sozialdemokratie hat indessen nämlich die Sozialstruktur des staatlichen Repräsentationssystems übernommen – und damit auch seine Repräsentationskrise. Warum das bestehende Parteiensystem ein »Parlament der Akademiker« hervorbringt, warum gerade die Veränderung der Sozialstruktur bei der SPD folgenreich für das Gesamtsystem war, warum sich das Abwandern von Arbeitern an die AfD gut mit der Forschung zu kultureller Polarisierung erklären lässt und warum die Lösung schwierig erscheint, wenn man auch die Organisationssoziologie ernst nimmt, erklärt der Text.

Artikel: Holger Marcks, »Warum die Krise der Sozialdemokratie lösbar und unlösbar zugleich ist«, in: Vorwärts, 13. Juli 2026 (online hier).

Volantaire III.

3. Juli 2026 |

Ende Mai sollte der dritte Club Volantaire in Hamburg steigen, also jenes Gesprächsformat, bei dem ich bereits zwei Mal zu Gast war. Diesmal zur Kritik des Queerfeminismus. Allerdings gab es wegen Thema und Besetzung etwas Hysterie im Umfeld des Veranstaltungsortes (man kennt es ja), weswegen der Betreiber die Veranstaltung kurzfristig absagte. Da ein Ausweichort nicht mehr rechtzeitig gefunden werden konnte, exilierte die Runde ins Altersfilm-Studio, wo dann ohne Publikum eine Studio-Version aufgenommen wurde. Wegen der beschriebenen Wendung baten mich jedenfalls die Veranstalter um ein Interview jenseits der Gesprächsrunde, um derlei Cancelpraktiken konfliksoziologisch einzuordnen. Ausschnitte dieses Interviews fanden dann ihren Weg als MAZ in die Sendung, die nun veröffentlicht wurde. Erläutert werden dabei die queerpolitischen Diskursverschiebungen in Bezug auf den Geschlechtsbegriff, wie dadurch das Feindbild der TERFs strukturiert wurde und wie sich der daraus folgende Hass in die neolinke Cancel Culture einfügt. Man kommt dabei nicht umhin festzustellen, dass insbesondere rund um die Causa Vollbrecht eine diskursive Engführung stattgefunden hat, mit der nicht nur der Begriff der Transfeindlichkeit massiv ausgedehnt, sondern auch ein begriffliches Chaos geschaffen wurde, das geschlechterpolitische Debatten bis heute belastest und zur Polarsierung beiträgt.

Video: Club Volantaire, »Was ist eine Frau? Feminismus außer Rand und Band«, auf: YouTube, 2. Juli 2026 (online hier).

Antifa-Simulation

27. Juni 2026 |

Strategischer Irrsinn – so muss man die aktuelle Kampagne für ein AfD-Verbot mindestens bezeichnen. Aber eigentlich ist es schlimmer. Sie ist Ausdruck der Abwesenheit einer Strategie. Für die Ruhrbarone habe ich ein paar (polemische) Zeilen aufgeschrieben, warum es sich bei dem Gutachten der GFF und der damit lancierten Kampagne um eine Ersatzhandlung handelt, mit der man sich vor der Aufarbeitung eigener Fehler drückt. Und dafür zündet man notfalls die Republik an. Man wirft hier den Brandstiftern den Brandbeschleuniger vor die Füße. Was es viel mehr als eine Verbotskampagne braucht, ist eine Debatte darüber, was in den NGOs (und auch in der Politik) falsch gelaufen ist in den letzten Jahren. Und das schon eher gestern als heute. Natürlich muss da, wie bei jedem Unternehmen oder Sportteam, das nicht liefert, auch die Frage auf den Tisch, welche personellen wie auch strukturellen Konsequenzen das erfordert. Was denn bitte sonst?

Artikel: Holger Marcks, »Antifaschismussimulation. Das AfD-Gutachten der »Gesellschaft für Freiheitsrechte« wird nach hinten losgehen«, auf: Ruhrbarone, 27. Juni 2026 (online hier).

Apocalypse Wow

24. Juni 2026 |

Im Stuttgarter Renitenztheater stieg gestern der dritte Teil von »Ha Ha Haltung – Ein satirisches Nach-oben-Treten«. Das ist eine Bühnenshow der Performancegruppe »die apokalyptischen Tänzer*innen«. Dazu gehören neben den drei charmanten Artists und weiteren Gästen etwas Kabarett, etwas Musik und auch ein bisschen Politik. Als nicht so theateraffiner Mensch weiß ich immer noch nicht so ganz, was ich da gesehen habe. Es war aber definitiv sehr unterhaltsam und abwechslungsreich. Besonders gut gefallen hat mir der Auftritt der sehr gewitzten Karimael Buledi, wenngleich ich von dem Dildotiramisu nichts abbekommen habe. Nachdem in den ersten beiden Teilen u.a. Ricarda Lang, Erwin Köhler und Simone Rafael als Diskurselemente dabei waren, durfte ich diesmal die Rolle mit Maxime Van Velzen von der Grünen Jugend Mannheim einnehmen, was das Gespräch denn auch zu einem Lokalderby machte. Es ging um Humor und Politik in digitalen Zeiten – und warum das eine ernste Angelegenheit (für manche) ist.

Disko: Im Gespräch mit den apokalyptischen Tänzer*innen (zusammen mit Maxime Van Velzen), »Ha Ha Haltung – Ein satirisches Nach-oben-Treten«, Teil III, am 23. Juni 2026 im Renitenztheater Stuttgart (mehr Infos hier).