Neues

Zensur, Zensur

17. Mai 2026 |

Für die neue MATR-Ausgabe haben sich Harald Sick und ich einen Ausschnitt der digitalen Zensur-Debatte angeschaut, um die normativen Konflikte zu entschlüsseln, die dahinter liegen. Wir erfassen dabei die groben Konturen der Debatte, sortieren die Vektoren, entlang derer sich der Zensurvorwurf entfaltet, und schauen uns die Kontroversen um § 86a StGb (Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen) genauer an. Da das Instrument nicht für Zensur im engeren Sinne steht, der Vorwurf hierum aber dennoch kursiert, lassen sich daran Scharniere identifizieren, die zur Weitung des Begriffs führen – und mit wissenschaftlichen Debatten ins Verhältnis setzen. Für Historiker wenig verwunderlich: Der Begriff unterliegt Deutungskämpfen: Zwischen Vorstellungen staatlicher Repression und sozialer Kontrolle fungiert er stets auch als Chiffre für bedrohte Meinungsfreiheit. Dass die Begriffe der Zensur oder Meinungsfreiheit als Kampfbegriffe verwendet werden, ist quasi historisch normal. Es gibt dabei aber meist einen sachlichen Kern, der ernst zu nehmen ist. Mitunter drückt sich darin ein Unbehagen über Entwicklungen aus, dem die beteiligten Akteure nicht immer die beste Sprache geben, um verstanden zu werden. Die Aufgabe des Soziologen wäre es eigentlich, hier Übersetzungsleistung zu erbringen – statt Ideologieproduktion für eine der Konfliktparteien zu betreiben.

Beitrag: Holger Marcks & Harald Sick, »Wird man doch noch posten dürfen. Die normative Konfliktstruktur der digitalen Zensur-Debatte«, in: Machine Against the Rage, Nr. 9, Frühjahr 2026 (online hier).

From a Trend Down Under

14. Mai 2026 |

Die neue Ausgabe von Machine Against the Rage, des Online-Magazins für digitale Konfliktforschung, ist da. Als Schwerpunktstudie gibt es diesmal eine umfassende Analyse zu Antisemitismus auf TikTok, die detailreich die Partitionen und Dichten digitalen Judenhasses aufarbeitet. Außerdem schauen wir uns im Radar an, wie man sich die Epstein-Verschwörung so in rechtsalternativen Kreisen auf Telegram erzählt. Und obendrein gibt es noch eine Blitzlicht-Analyse zur digitalen Zensur-Debatte, in der die normativen Konflikte herausgearbeitet werden, die hinter den Vorwürfen der Zensur bzw. einer wahrgenommenen Bedrohung von Meinungsfreiheit stecken. Abegerundet wird das Ganze durch eine generalüberholte Rundschau, die sich von nun an auf die Vorstellung aktueller Studien konzentriert, die für die digitale Konflitkforschung relevant sind.

Release: Machine Against the Rage, »From a Trend Down Under. Partizipative Online-Kulturen gegen die da oben«, Ausgabe Nr. 9 des Online-Magazins für digitale Konfliktforschung, Frühjahr 2026 (online hier).

Das Antifa-Playbook

10. Mai 2026 |

Welche Wechselwirkungen vollziehen sich zwischen der extremen Rechten und ihren Gegnern in der digitalen Arena? Darüber sprach ich Ende letzten Jahres in einer Veranstaltungsreihe des Wissenschaftsvereins Kärnten. Hervorgegangen ist aus der Reihe nun ein Band mit Beiträgen aller Teilnehmer, darunter Michel Friedmann, Barbara Prainsack, Konrad Paul Liessmann – und eben ein Text von mir. Er versucht, die Mechanik eines zentralen Knotenpunkts der politischen Polarisierung zu rekonstruieren: das Spannungsverhältnis zwischen Rechtsextremismus einerseits und dem »Kampf gegen Rechts« andererseits. Eine Analyse jenes Interaktionsverhältnisses, das Polarisierungsdynamiken in verschiedenen Politikfeldern einkerbt, ist grundlegend, um die (Dys-)Funktionalität von Maßnahmen gegen Rechtsextremismus bewerten zu können. Viel zu lange wurde bereits vernachlässigt, wie auch im digitalen Antifaschismus (emotionale) Gruppendynamiken (postfaktische) Narrative erzeugen und wie diese wiederum Handlungslogiken und Konfliktdynamiken anleiten. Ein nüchterner Blick auf diese Probleme ist nötig. Denn das Playbook der antifaschistischen Reflexe und Routinen fügt sich derzeit gut in das der extremen Rechten ein.

Beitrag: Holger Marcks, »Spiegelbilder der Bedrohung. Wie der Kampf gegen Radikalisierung im Netz polarisierend wirkt«, in: Horst Peter Groß & Werner Drobesch (Hg.), Radikalisierung der Gesellschaft. Gefahr für die Demokratie (Klagenfurt u.a.: Wieser, 2026), S. 101–134.

IPG Meets Panorama

6. Mai 2026 |

Für das Journal für Internationale Politik und Gesellschaft (IPG-Journal) hat Roman Grabowski das Panorama rezensiert. Es ist eine luzide Besprechung, über deren lobende Worte man sich als Autor natürlich freut. Auch mit der Beschreibung als »radikal repräsentativ-demokratisch« kann man sich anfreunden. Und mit der Bezeichnung als »abtrünnige Linke« auch ein bisschen. Ebenso ist die Kritik, die in einer guten Besprechung nicht fehlen darf, völlig nachvollziehbar. Sie erkennt zentrale Probleme, an denen weiterzudenken ist. Wenngleich wir zu den demokratietheoretischen Leerstellen, die zurecht bemängelt werden, durchaus mehr zu sagen haben, als in den drei Bänden enthalten ist. Hier lässt sich weiter diskutieren.

Rezension: Roman Grabowski, »Repbublik im Umbau. Holger Marcks und Felix Zimmermann liefern eine streitbare Diagnose der Linken – und einen ungewöhnlichen Entwurf für mehr Demokratie«, auf: IPG-Journal, 5. Mai 2026 (online hier).

Sein und Streit

26. April 2026 |

Bei DLF Kultur sprach ich mit Michael Andrick über Meinungsfreiheit: ein vertrackter Themenkomplex, von dem das Gespräch nur einen kleinen Ausschnitt behandeln konnte. Dass ich dabei in vielen Punkten mit Andrick, der eine Einschränkung der Meinungsfreiheit recht deutlich kritisiert, gar nicht so uneinig bin, mag manche wundern. Muss es aber nicht. Wenn sich Demokraten unterschiedlicher Couleur einig sein können, dann ja in solch metapolitischen Themen, um die es vorwiegend im Gespräch ging. Und dazu gehört auch, die Tendenzen der Schädigung der Meinungsfreiheit durch vermeintlich progressive Milieus zu benennen. Die Probleme, die aus regulatorischen/gesetzlichen Maßnahmen, aber auch dem Zusammenwirken von Staat, NGOs, Behörden resultieren, sind dort definitiv unterproblematisiert. Und beides – die Tendenzen wie auch die Relativierung durch ihre Advokaten – ist soziologisch erwartbar. Warum immer wieder Kämpfe um Fragen geführt werden, die mit dem Thema verknüpft sind, warum dabei das Pendel mal so, mal so schwingt und warum zuletzt das linke Lager schlafwandelnd zu Einschränkungen drängte, erläutere ich im Gespräch.

Talk: »Meinungsfreiheit: Gefordert, gefördert, bedroht?«, im Gespräch mit Michael Andrick bei »Sein und Streit«, moderiert von Catherine Newmark, auf: Deutschlandfunk Kultur, 26. April 2026 (online hier).

Böhmis Dorf

22. April 2026 |

Sofern man unter Radikalisierung einen Prozess versteht, der mitunter ideologische Verhärtung und kognitive Zuspitzung zum Schwarz-Weiß-Denken beinhaltet, müssen entsprechende Dynamiken auch im linken Lager attestiert werden. Solche Prozesse finden beileibe nicht nur an den Rändern stand, sondern können – der »Extremismus der Mitte« lässt grüßen – auch breite Teile der Gesellschaft erfassen. Jan Böhmermanns Sendung ZDF Show Royale ist hierfür ein gutes Beispiel. Sie steht nicht nur für eine geistige Verflachung des (neo-)linken Diskurses, sondern lässt immer wieder, wenn mal wieder eine Sau durch’s Dorf getrieben wird, ein dichotomes Freund-Feind-Denken erkennen. Dieses steht zum einen für kommunikative Polarisierung; zum anderen bringt es, in seiner emotionalen Verve, auch postfaktische Narrative hervor, die dann jenen Diskurs prägen (und weiter verflachen). Warum es beim Demokratiechefretter nicht sonderlich gut um rechtsstaatliche und aufklärerische Prinzipien bestellt ist und warum antifaschistische Vorturner wie »Böhmi« mit ihrer moralischen Schlichtheit der Demokratie einen Bärendienst leisten, habe ich für die Ruhrbarone niedergeschrieben.

Artikel: Holger Marcks, »Radikalisierung Royale. Wie steht es eigentlich um die demokratische Gesinnung von Jan Böhmermann?«, auf: Ruhrbarone, 22. April 2026 (online hier).

R2G en bloc

11. April 2026 |

Sind sogenannte Konsenskandidaten ein Mittel gegen die AfD? Für die taz habe ich dazu eine kleine Einschätzung für einen Beitrag gegeben, der sich mit der OB-Wahl in Schwerin befasst. Die Einschätzung konnte natürlich nur verknappt ausfallen. Es hängen da doch einige interessante Aspekte demokratietheoretischer Art noch dran. Und in strategischer Hinsicht ist es mindestens eine ambivalente Angelegenheit, die noch weitere Abwägungen verträgt. Grundsätzlich gesagt werden sollte: Die Praxis kann helfen, repräsentativen Verzerrungen entgegenzuwirken, die Verfahren nach Mehrheitsprinzip zuweilen hervorbringen, etwa wenn sich im ersten (oder einzigen Wahlgang) ein Lager ungünstig aufsplittet; auch kann es helfen, AfD-Kandidaten von der Stichwahl fernzuhalten. Es kann aber, abhängig von der konkreten Konstellation, auch kontraproduktiv sein, repräsentative Verzerrungen verstärken oder auch einen AfD-Sieg begünstigen. Zwischen den unterschiedlichen Outputs liegt oftmals nur ein schmaler Grat. Außerdem läuft man damit Gefahr, die Repräsentationslücken zu vergrößern, die die extreme Rechte bereits erfolgreich füllt. Und klar, das AfD-Narrativ von den Blockparteien gewinnt damit auch mehr realen Gehalt. Als Strategie taugt die Methode daher nicht. In richtigen Dosen kann es aber ein probates taktisches Mittel sein.

Schnipsel: Lotte Laloire, »OB-Wahl in Schwerin: Eine muss es ja tun«, in: taz, 11. April 2026 (online hier).

It’s the Culture, Stupid

3. April 2026 |

Warum tun sich große Teile des linken Lagers eigentlich so schwer, die eigene Rolle in Polarisierungsprozessen zu diskutieren? Und warum kriegt man das Problem nicht zu fassen, dass viele Arbeiter und Arbeitslose zur AfD abwandern? Diese Fragen habe ich in einem längeren (und leicht polemischen) Text für den Blog der Ruhrbarone behandelt – und auch die Frage, was uns der Wahlkampf des Grüne-Politikers Cem Özdemir in Baden-Württemberg über Depolarisierung verrät. Im Zentrum stehen dabei Befunde aus der Polarisierungsforschung, die eine »kulturelle Repräsentationslücke«, aber auch kognitive Asymmetrien zwischen soziopolitischen Milieus behandeln. Sie weisen auf klassenförmige Polarisierungsdynamiken hin, die das linke Lager blindlings antreibt – mitunter rationalisiert durch eine selektive Bezugnahme auf die Polarisierungsforschung.

Artikel: Holger Marcks, »Die Linke als Malocherschreck. Das Mitte-Links-Spektrum hat sich kulturell von Teilen der Gesellschaft entfernt«, auf: Ruhrbarone, 2. April 2026 (online hier).

Gespenster am See

28. März 2026 |

Die letzten beiden Tage hatte am Bodensee ein ganz dicker Tanker angelegt: Der Faschismus stand in Konstanz zur Diskussion. Nämlich auf der Tagung »Das Gespenst des Faschismus«, die von Sven Reichardt, Levent Tezcan und Özkan Ezli organisiert wurde und eine Reihe namhafter Wissenschaftler zusammenbrachte. Im Zentrum standen Fragen nach historischen Kontinuitäten und Transformationen faschistischer Phänomene. Teil des Programms war auch ein öffentlicher Abendvortrag von Jan Philipp Reemtsma. Maik Fielitz und ich trugen ebenfalls vor, nämlich dazu, wie man sich dem digitalen Faschismus aus einer Perspektive der Konfliktforschung nähern kann. Neben vielen Denkanregungen bleiben für mich zwei interessante Beobachtungen: erstens, dass die Frage, wie faschistische Dynamiken sich aus gesellschaftlichen Interaktionen entwickeln (also eine genuin soziologische Perspektive), derzeit ebenso wenig eine Rolle spielt wie die, was das alles mit denen zu tun hat, die viel über Faschismus reden; und zweitens, dass apokalyptische Perspektiven auch bei Akademikern besonders die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Vortrag: Maik Fielitz & Holger Marcks, »Digitaler Faschismus: Eine Annäherung aus Perspektive der Konfliktforschung«, auf der Tagung »Das Gespenst des Faschismus« an der Universität Konstanz, 26. und 27. März 2026 (mehr Infos hier).

Fluxkompensator

20. März 2026 |

Logbuch heißt das Sonderheft des Stadtmagazins Kreuzer aus Leipzig zur dortigen Buchmesse. Und dieses Jahr gibt es darin auch eine kleine, feine Besprechung des sozialrepublikanischen Panoramas. Tobias Prüwer hat es gelesen und findet lobende Worte für die darin aufgemachte Perspektive, die »nicht zu utopisch erscheint oder zu vage«. Besonders freut uns, dass der Rezensent die eigenartige Form des Panoramas zu würdigen weiß, das er als »libertären Fluxkompensator« bezeichnet – und als einen, der »zündet«, obendrein.

Rezension: Tobias Prüwer, »Libertärer Fluxkompensator. Zurück nach vorn besinnt sich auf die aufklärerischen Grundsätze von Gleichheit und Freiheit«, in: Logbuch. Kreuzer-Sonderheft zur Leipziger Buchmesse 2026, S. 63 (online hier).