Neues

Böhmis Dorf

22. April 2026 |

Sofern man unter Radikalisierung einen Prozess versteht, der mitunter ideologische Verhärtung und kognitive Zuspitzung zum Schwarz-Weiß-Denken beinhaltet, müssen entsprechende Dynamiken auch im linken Lager attestiert werden. Solche Prozesse finden beileibe nicht nur an den Rändern stand, sondern können – der »Extremismus der Mitte« lässt grüßen – auch breite Teile der Gesellschaft erfassen. Jan Böhmermanns Sendung ZDF Show Royale ist hierfür ein gutes Beispiel. Sie steht nicht nur für eine geistige Verflachung des (neo-)linken Diskurses, sondern lässt immer wieder, wenn mal wieder eine Sau durch’s Dorf getrieben wird, ein dichotomes Freund-Feind-Denken erkennen. Dieses steht zum einen für kommunikative Polarisierung; zum anderen bringt es, in seiner emotionalen Verve, auch postfaktische Narrative hervor, die dann jenen Diskurs prägen (und weiter verflachen). Warum es beim Demokratiechefretter nicht sonderlich gut um rechtsstaatliche und aufklärerische Prinzipien bestellt ist und warum antifaschistische Vorturner wie »Böhmi« mit ihrer moralischen Schlichtheit der Demokratie einen Bärendienst leisten, habe ich für die Ruhrbarone niedergeschrieben.

Artikel: Holger Marcks, »Radikalisierung Royale. Wie steht es eigentlich um die demokratische Gesinnung von Jan Böhmermann?«, auf: Ruhrbarone, 22. April 2026 (online hier).

R2G en bloc

11. April 2026 |

Sind sogenannte Konsenskandidaten ein Mittel gegen die AfD? Für die taz habe ich dazu eine kleine Einschätzung für einen Beitrag gegeben, der sich mit der OB-Wahl in Schwerin befasst. Die Einschätzung konnte natürlich nur verknappt ausfallen. Es hängen da doch einige interessante Aspekte demokratietheoretischer Art noch dran. Und in strategischer Hinsicht ist es mindestens eine ambivalente Angelegenheit, die noch weitere Abwägungen verträgt. Grundsätzlich gesagt werden sollte: Die Praxis kann helfen, repräsentativen Verzerrungen entgegenzuwirken, die Verfahren nach Mehrheitsprinzip zuweilen hervorbringen, etwa wenn sich im ersten (oder einzigen Wahlgang) ein Lager ungünstig aufsplittet; auch kann es helfen, AfD-Kandidaten von der Stichwahl fernzuhalten. Es kann aber, abhängig von der konkreten Konstellation, auch kontraproduktiv sein, repräsentative Verzerrungen verstärken oder auch einen AfD-Sieg begünstigen. Zwischen den unterschiedlichen Outputs liegt oftmals nur ein schmaler Grat. Außerdem läuft man damit Gefahr, die Repräsentationslücken zu vergrößern, die die extreme Rechte bereits erfolgreich füllt. Und klar, das AfD-Narrativ von den Blockparteien gewinnt damit auch mehr realen Gehalt. Als Strategie taugt die Methode daher nicht. In richtigen Dosen kann es aber ein probates taktisches Mittel sein.

Schnipsel: Lotte Laloire, »OB-Wahl in Schwerin: Eine muss es ja tun«, in: taz, 11. April 2026 (online hier).

It’s the Culture, Stupid

3. April 2026 |

Warum tun sich große Teile des linken Lagers eigentlich so schwer, die eigene Rolle in Polarisierungsprozessen zu diskutieren? Und warum kriegt man das Problem nicht zu fassen, dass viele Arbeiter und Arbeitslose zur AfD abwandern? Diese Fragen habe ich in einem längeren (und leicht polemischen) Text für den Blog der Ruhrbarone behandelt – und auch die Frage, was uns der Wahlkampf des Grüne-Politikers Cem Özdemir in Baden-Württemberg über Depolarisierung verrät. Im Zentrum stehen dabei Befunde aus der Polarisierungsforschung, die eine »kulturelle Repräsentationslücke«, aber auch kognitive Asymmetrien zwischen soziopolitischen Milieus behandeln. Sie weisen auf klassenförmige Polarisierungsdynamiken hin, die das linke Lager blindlings antreibt – mitunter rationalisiert durch eine selektive Bezugnahme auf die Polarisierungsforschung.

Artikel: Holger Marcks, »Die Linke als Malocherschreck. Das Mitte-Links-Spektrum hat sich kulturell von Teilen der Gesellschaft entfernt«, auf: Ruhrbarone, 2. April 2026 (online hier).

Gespenster am See

28. März 2026 |

Die letzten beiden Tage hatte am Bodensee ein ganz dicker Tanker angelegt: Der Faschismus stand in Konstanz zur Diskussion. Nämlich auf der Tagung »Das Gespenst des Faschismus«, die von Sven Reichardt, Levent Tezcan und Özkan Ezli organisiert wurde und eine Reihe namhafter Wissenschaftler zusammenbrachte. Im Zentrum standen Fragen nach historischen Kontinuitäten und Transformationen faschistischer Phänomene. Teil des Programms war auch ein öffentlicher Abendvortrag von Jan Philipp Reemtsma. Maik Fielitz und ich trugen ebenfalls vor, nämlich dazu, wie man sich dem digitalen Faschismus aus einer Perspektive der Konfliktforschung nähern kann. Neben vielen Denkanregungen bleiben für mich zwei interessante Beobachtungen: erstens, dass die Frage, wie faschistische Dynamiken sich aus gesellschaftlichen Interaktionen entwickeln (also eine genuin soziologische Perspektive), derzeit ebenso wenig eine Rolle spielt wie die, was das alles mit denen zu tun hat, die viel über Faschismus reden; und zweitens, dass apokalyptische Perspektiven auch bei Akademikern besonders die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Vortrag: Maik Fielitz & Holger Marcks, »Digitaler Faschismus: Eine Annäherung aus Perspektive der Konfliktforschung«, auf der Tagung »Das Gespenst des Faschismus« an der Universität Konstanz, 26. und 27. März 2026 (mehr Infos hier).

Fluxkompensator

20. März 2026 |

Logbuch heißt das Sonderheft des Stadtmagazins Kreuzer aus Leipzig zur dortigen Buchmesse. Und dieses Jahr gibt es darin auch eine kleine, feine Besprechung des sozialrepublikanischen Panoramas. Tobias Prüwer hat es gelesen und findet lobende Worte für die darin aufgemachte Perspektive, die »nicht zu utopisch erscheint oder zu vage«. Besonders freut uns, dass der Rezensent die eigenartige Form des Panoramas zu würdigen weiß, das er als »libertären Fluxkompensator« bezeichnet – und als einen, der »zündet«, obendrein.

Rezension: Tobias Prüwer, »Libertärer Fluxkompensator. Zurück nach vorn besinnt sich auf die aufklärerischen Grundsätze von Gleichheit und Freiheit«, in: Logbuch. Kreuzer-Sonderheft zur Leipziger Buchmesse 2026, S. 63 (online hier).

Digitaler Antifaschismus

15. März 2026 |

Wie ist es um die (Dys-)Funktionalität des »Kampfs gegen Rechts« bestellt? Dazu sprach ich am Freitag auf der Fachtagung »Kultur- und Kreativwirtschaft als demokratische Infrastruktur« in Saarbrücken. Ausgangspunkt des Vortrags war die Feststellung, dass das Zusammenspiel von Rechtsextremismus einerseits und seinen Gegnern andererseits ein wichtiger Knotenpunkt multipler Polarisierungsdynamiken geworden ist. Um bewerten zu können, ob jener »Kampf gegen Rechts« seinen Zweck erfüllt, ist eine Analyse dieses Interaktionsverhältnisses grundlegend. Dafür wurde nachgezeichnet, wie sich zum digitalen Faschismus eine Gegenbewegung formiert hat und wie die Mechanik jenes Knotenpunkts funktioniert. Spoiler: Als Bremse rechtsextremer Dynamiken wirkt sie eher nicht.

Vortrag: »Digitaler Antifaschismus. Zur (Dys-)Funktionalität des ›Kampfs gegen Rechts‹«, Fachtagung »Kultur- und Kreativwirtschaft als demokratische Infrastruktur« von Dock11 in Saarbrücken, 13. März 2026 (mehr Infos hier).

MATR Meets MOTRA

5. März 2026 |

MOTRA steht für »Monitoringsystem und Transferplattform Radikalisierung«: ein Forschungsverbund im Kontext der zivilen Sicherheitsforschung. Für den jährlichen MOTRA-Monitor haben Maik Fielitz und ich einen Beitrag verfasst, der die Erfahrungen aus unserer Arbeit mit Machine Against the Rage reflektiert. Und zwar mit Blick auf die Probleme, vor denen eine praxisorientierte Forschung im Bereich von »Hass im Netz« steht. Immerhin bedarf es, um die Dynamiken des digitalen Hasses zu verstehen und das Potenzial möglicher Gegenmaßnahmen abzuschätzen, einer Analyse der Interaktionen zwischen Hassakteuren und ihren Antagonisten. Denn auch diese sind nicht vor unbeabsichtigten Konsequenzen gefeit, ja können sogar co-radikalisierend und/oder co-polarisierend wirken.

Beitrag: Maik Fielitz & Holger Marcks, »Maschinendaten im digitalen Konfliktgeschehen. Forschungsausrichtung und Wissenschaftskommunikation von Machine Against the Rage«, in: Uwe Kemmesies et al. (Hg.), MOTRA-Monitor 2024/2025 (Wiesbaden: MOTRA, 2026), S. 452–466 (online hier).

Spalter spalten

20. Februar 2026 |

Für den MATR-Blog Engine Room habe ich etwas über Nils Kumkars Buch Polarisierung geschrieben. Der Autor ist einer der wenigen Akademiker, der bei mir große Achtung genießt. Er denkt eigenständig, zuweilen gegen den Strich. Das ist in einem Berufsfeld, wo viel Opportunismus herrscht, selten. Und ich mag seinen Style – außer wenn er Schnauzer trägt. Die Erwartungen waren entsprechend hoch. Ich will nicht sagen, dass sie enttäuscht wurden. Es steckt da wieder viel Kluges drin. Aber man merkt, dass die Polarisierungsforschung nicht die eigentliche Domäne des Autors ist. So werden etwa die verschiedenen Ebenen und Dimensionen der Polarisierung vernachlässigt, so dass Kumkars Konzept der »kommunikativen Polarisierung« etwas in der Luft hängt. Vor allem mag ich mich mit zentralen Botschaften des Buchs nicht anfreunden, etwa, dass es eine Art Gegenpolarisierung gegen die spalterische Politik der »Anderen« brauche. Gewiss, es braucht offenen Streit über Interessen, Ziele, Programme, Strategien. Jedoch – und da steht Kumkar m.E. Kopf – muss das mehr den Streit mit dem »Wir« als mit dem »Anderen« meinen. Man muss die Spalter (aus den eigenen Reihen) spalten. Das ist die Dialektik der Depolarisierung.

Review: Holger Marcks, »Über Spaltung streiten. Nilks Kumkars Theorie der kommunikativen Polarisierung im Belastungstest«, auf: Engine Room, 19. Feb. 2026 (online hier).

München, Hamburg und zurück

22. Januar 2026 |

Postfaktische Narrative kommen nicht nur von rechts. Das zeigen Felix Zimmermann und ich im sozialrepublikanischen Panorama, das sich um zahlreiche Irrungen und Wirrungen der (radikalen) Linken dreht. Denn neben ordnungspolitischen Fragen befasst es sich zentral mit den Erzählungen, die linke Politik anleiten – von den Revolutionsmythen der sozialistischen Bewegung bis zum identitätspolitischen Bullshit des Woke-Phänomens. In zwei Vorträgen für die GWUP – einmal in München, einmal in Hamburg – habe ich dieses Thema gesondert behandelt. Dabei wurden an konkreten Beispielen die epistemischen Probleme linker Politik und ihre ideengeschichtlichen Hintergründe aufgezeigt.

Vortrag: »Postfaktische Narrative von links: Von der Alten bis zur Neuesten Linken«, am 15. Dez. 2025 bei Skeptics in the Pub München sowie am 21. Jan. 2026 bei Skeptics in the Pub Hamburg.

Zivile Saalschlacht

30. November 2025 |

Am Wochenende diskutierte ich auf einem Panel zu »Macht, Geld, NGO«. Der PEN Berlin hatte wieder zum Kulturkongress (a.k.a. Saalschlacht) geladen und ein paar heiße Themen angepackt: zum Beispiel das Wirken der staatlich geförderten Zivilgesellschaft, die zuletzt vermehrt in die Kritik geraten ist. Mit von der Partie waren Ulrike Winkelmann (taz), Timo Reinfrank (Amadeo-Antonio-Stiftung) und Morten Freidel (NZZ Deutschland). Letzterer ersetzte den kurzfristig ausgefallenen Journalisten Jan Fleischhauer. Der linken Empörung über »Angriffe auf die Zivilgesellschaft« mochte ich mich dabei nicht anschließen. Eine kritische Durchleuchtung des sog. NGO-Komplexes ist aus demokratietheoretischer Sicht legitim und sogar wünschenswert. So wie auch und gerade aus linker bzw. herrschaftskritischer Sicht eine Verschränkung von Zivilgesellschaft und Staat stets zu hinterfragen ist. Das Einigeln in einer Wagenburgmentalität hingegen gibt keine Antworten auf berechtigte Zweifel – und überlässt die Kritik denen, deren Deutungsangebote oft verschwörungstheoretisch übersteuern. Die Diskussion verlief kontrovers, aber zivil.

Podiumsdiskussion: »Macht, Geld, NGO« (moderiert von Catherine Newmark), im Rahmen des PEN Berlin Kulturkongresses 2025, im Holzmarkt 25 zu Berlin, 29. Nov. 2025 (mehr Infos hier; Kongress-Doku hier).