Politischer Seuchenschutz

24. Juli 2026 |

Ein Schritt nach rechts – und zack profitiert das Original vom rechten Rand! Trotz seiner offensichtlichen Unterkomplexität gilt das Narrativ von der Normalisierung rechter Narrative vielen als wissenschaftlich verbürgte Wahrheit. Im linken Lager hat es fast schon den Status einer heiligen Kuh. Der daraus abgeleitete Imperativ, dass man auf Inhalte von Rechtsaußen nicht eingehen dürfe, fungiert entsprechend als quasireligiöses Gebot. Diejenigen, die es infrage stellen, werden denn auch oft behandelt, als würden sie Dämonen die Tür öffnen. Warum dieses deterministische Narrativ eine starke Vereinfachung darstellt, zumindest in der üblichen Eindeutigkeit, habe ich für das »Politische Feuilleton« von Deutschlandfunk Kultur im Radio kommentiert. Abgestellt wird darin vor allem auf das epistemische Problem, das die Erzählung erzeugt: Ihre Moral wirkt entpolitisierend. Denn wenn man den politischen Gegner bloß als moralische Seuche begreift, verlernt man, wie Chantal Mouffe einst argumentierte, das Denken über wichtige Probleme der politisch-strategischen Auseinandersetzung. Der Brandmauer-Diskurs, in dem das Narrativ ein wichtiger Baustein ist, sorgt so für eine Art geistige Verarmung – bis sich immer mehr »rübermachen«.

Audio-Kommentar: Holger Marcks, »Der Kampf gegen rechts basiert auf falschen Annahmen«, auf: Deutschlandfunk Kultur, 23. Juli 2026 (online hier).