Im Dorfclub

18. März 2025 |

Black Sabbath hat hier mal gespielt. Anno 1969. Als die Band um Ozzy Osbourne noch vor ihrem Durchbruch stand. Da gastierte sie in der »Manufaktur«, die ein Jahr zuvor im schwäbischen Schorndorf eröffnet wurde. Manche sagen, das sei zu dieser Zeit »der heißeste subkulturelle Club in Deutschland« gewesen, so Musikhistoriker Christoph Wagner. Bis heute zieht er mittlere Größen der Rockmusik in das beschauliche Städtchen. Und nun auch meine Wenigkeit. Gestern sprach ich dort im Ländle über unser Buch Digitaler Faschismus – und über seine Aktualität fünf Jahre nach der Veröffentlichung.

Vortrag: »Digitaler Faschismus. Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus«, im Club Manufaktur zu Schorndorf, 17. März 2025 (mehr Infos hier).

Mythos Brandmauer

17. Februar 2025 |

Zur Dysfunktionalität des gegenwärtigen Antifaschismus, dessen Handlungsmuster aus geschichtsvergessenen Situationsdefinitionen folgen, habe ich mit André Sebastiani von der GWUP gesprochen. Im Zentrum des Gesprächs, das auf dem YouTube-Kanal der Skeptischen Gesellschaft zu finden ist, steht der Mythos der sogenannten Brandmauer. Was ist darunter zu verstehen, welche Varianten bzw. Dimensionen hat der Begriff und wie werden sie (nicht) differenziert? Und welche Effekte haben die damit verbundenen Politiken; hilft Ausgrenzung – oder stärkt das am Ende sogar extremistische Kräfte? Diese Fragen behandeln wir und schauen dabei auf das, was die wissenschaftliche Empirie dazu wirklich sagen kann, wie auch auf historische Beispiele und deren mitunter verzerrende Instrumentalisierung.

Videogespräch: Skeptische Gesellschaft, »Deutschland vor der Bundestagswahl – Hilft die Debatte der AfD?«, auf: YouTube, 16. Februar 2025 (online hier).

Dilemma ohne Ende

5. Februar 2025 |

Der Dudenverlag hat gerade zwei weitere Kapitel von Digitaler Faschismus online freigegeben – als erweiterte Leseprobe. Das Buch hatten wir vor fünf Jahren geschrieben, als die Corona-Zeit gerade begann. Teil der Überlegungen war zum einen, wie sich im digitalen Raum rechtsextreme Bedrohungsnarrative aufbauen und in Fantasien einer nationalistischen Wiedererweckung übersetzen, also in das, was Roger Griffin das »faschistische Minimum« nennt (daher der Titel des Buchs). Zum anderen diskutierten wir mögliche Auswege, aber auch die Gefahren eines digitalen Antifaschismus. Manches davon würde ich heute nicht mehr genauso schreiben. Insbesondere scheint mir unterschätzt, in welchem Ausmaß sich postfaktische Dynamiken auch auf die herkömmlichen Medien übertragen. Die Grundzüge unserer Einschätzung, dass repressive Regulationsversuche und affektive Gegenrede Gefahr laufen, selbst problematisch für die Demokratie zu werden, bleibt aber so richtig wie aktuell. Durch die (fehlgeleiteten) Versuche, dem Rechtsextremismus den Motor abzudrehen, sind die Probleme gewiss nicht weniger geworden.

Leseprobe: Maik Fielitz & Holger Marcks, Digitaler Faschismus. Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus (Berlin: Dudenverlag, 2020), Kapitel 7 und 8 (online hier).

Sag jein!

30. Januar 2025 |

Hat er nun gehitlert – oder nicht? Nachdem Elon Musk bei Donald Trumps Inauguration einen skurrilen Auftritt hingelegt hatte, erhitze diese Frage ein Weilchen die Gemüter. Dabei findet man rechts wie links abermals einen starken Willen zur Eindeutigkeit: Natürlich hat er es getan – auf keinen Fall hat er es getan! Doch so einfach ist es nicht. Denn es ist durchaus plausibel, dass Musk hier eben gerade mit einer uneindeutigen Handlung provozieren wollte. Wer das ausschließt, ist nicht weniger einfältig, als die, die sich andersrum festlegen. Was in Musks Kopf abgeht, lässt sich (noch) nicht auslesen. Es bleibt der Spekulation überlassen. Wer hier trotzdem den großen Empörer mimt, tappt gar in die Skandalisierungsfalle; man bereitet damit das Feld der Gegenempörung und erzeugt mitunter Sympathie für das beschuldigte Bezugssubjekt. Warum es besser ist, öfter mal jein zu sagen, habe ich für die Jungle World kommentiert.

Kommentar: Holger Marcks, »Das kommt von Herzen. Die linke Empörung über Elon Musk tappt in die Skandalisierungsfalle«, in: Jungle World, Nr. 5/2025 (online hier).

Wurzeln des Bullshits

25. Januar 2025 |

Als zu Beginn der ersten Präsidentschaft Donald Trumps vermehrt von »Postfaktizität« und »alternativen Fakten« die Rede war, tauchte vielerorts die Zeitdiagnose auf, wir erlebten einen tiefgreifenden Wandel im politischen Diskurs: Wahrheit und Lüge würden immer mehr verschmelzen. Dazu schrieb ich damals, 2017, ein Paper, das eigentlich in einem Sammelband erscheinen sollte. Dieser kam aber letztlich nicht zustand – und der Text verschwand in der Schublade. Ich habe das Paper daher neulich zumindest mal bei Academia hochgestellt, da mir die Überlegungen darin weiterhin richtig erscheinen. Inspiriert von Adam Curtis’ HyperNormalisation, entwickelte er bereits 2017 die These, dass die Erosion rationaler Verständigung nicht nur von Rechtspopulisten gefördert wird. Sie speist sich aus unterschiedlichen ideologischen Strukturen, die auf je eigene Weise die Wirklichkeit so beugen, dass sie den eigenen Prämissen entspricht: Man richtet sich in einer Schweinwelt ein.

So hat etwa der Neoliberalismus mit seiner Lebenslüge von den Sachzwängen ebenso zur Auflösung geteilter Wahrheiten beigetragen, wie auch die identitätspolitische Linke die Autorität gefühlter Wahrheiten gestärkt hat. Postfaktische Dynamiken finden sich in diversen Milieus, die damit beschäftigt sind, ihre Widersprüche zu überspielen, und dabei Bullshit produzieren. Zugrunde liegt dem die allgemeine Ausbreitung irrationaler Strukturprinzipien, auf denen die jeweiligen Akteure ihre ideologischen Ableitungen bauen. Das Resultat dieser Konjugation von Bullshit ist eine Normalisierung des Widersinns. Und die ist günstig für autoritäre Kräfte, deren Verhältnis zur Wahrheit ohnehin ein instrumentelles ist. Das Ergebnis dieses Prozesses sehen wir heute.

Paper: Holger Marcks, Die Konjugation von Bullshit. Zur Dynamik der Hypernormalisierung (2017), auf: Academia (online hier).

Von Ratlosen beraten

19. Januar 2025 |

Neulich hat mich die Süddeutsche Zeitung gefragt, wie ich die Aktion von Katapult einordne, eine halbe Million Hefte mit (angeblichen) AfD-Zitaten verteilen zu wollen – und zwar unkommentiert. Von einem »echten AfD-Wahlprogramm« ist die Rede; es soll »zeigen, wie extrem die Partei tatsächlich ist«. Die Aktion hat viel Kritik geerntet, in deren Folge das Magazin das Vorhaben anpasste und von einer unkommentierten Verbreitung Abstand nahm. Auch ich halte den Versuch für problematisch, aber nicht für ganz falsch gedacht. Die Revision hingegen ist eine Verschlimmbesserung, die der neolinken Ratlosigkeit folgt. Warum das so ist, habe ich kurz in einem Memo dargelegt.

Schnipsel: Saladin Salem, »›Katapult‹-Aktion: Sätze zum Fürchten«, in: Süddeutsche Zeitung, 14. Januar 2025 (online hier).

Team Bullshit

16. Januar 2025 |

In den Farben getrennt, in der Unsachlichkeit vereint. So lässt sich das Verhältnis zwischen manchen politischen Akteuren beschreiben, die sich nominell spinnefeind sind. Anlässlich der Debatten zum Anschlag in Magdeburg habe ich für die Jungle World etwas zur Reflexionsunfähigkeit der digitalisierten Gesellschaft geschrieben. Gerade an diesem Beispiel zeigt sich, dass affektives Denken ein Problem ist, das beide Seiten im digitalen Lagerkampf betrifft. Denn dass wir in postfaktischen Zeiten leben, hat weniger mit den (durchaus vorhandenen) Lügen bestimmter Akteure zu tun als mit gruppendynamischen Prozessen in verschiedenen Milieus. Vereinfacher und Emotionalisierer, die sich die Fakten für‘s eigene Team zurechtbiegen, gibt es links wie rechts – und in den sozialen Medien werden sie gar tonangebend in den jeweiligen Milieus. So sind es am einen Tag Rechte, die Bullshit produzieren, am nächsten Linke (auch wenn das unterschiedlich gefährlich sein mag). Wenn man mal richtig liegt, dann geschieht das zufällig – abhängig davon, ob sich der Affekt gerade mit der Realität deckt. Es sieht daher nur oberflächlich so aus, als würden sie gegeneinander spielen. Tatsächlich spielen sie zusammen im Team Bullshit. Zeit, dass sich milieuübergreifend ein Team Aufklärung bildet, das ihm Paroli bietet: ein Lager gegen die Polarisierer.

Kommentar: Holger Marcks, »Fürs eigene Team die Fakten biegen. Wie soziale Medien unreflektiertes Gruppendenken fördern«, in: Jungle World, Nr. 2/2025 (online hier).

Mitten im Backlash

10. Januar 2025 |

Für die Zeitung, die das »eues« und das »eutschland« aus ihrem Namen gestrichen hat, habe ich ein paar Fragen zur Rolle der sozialen Medien im deutschen Wahlkampf beantwortet. Dabei lag der Fokus des Interesses auf der extremen Rechten. Den strategischen Anteil ihres digitalen Erfolgs sollte man jedoch nicht überbewerten; er basiert nämlich stark auf Eigendynamiken, die sozio-politischen bzw. politisch-kulturellen Konfliktlinien folgen. Und die haben viel mit der Verfasstheit des linken Lagers zu tun, das in seinem moralischen Eifer ein postfaktisches Klima mindestens co-produziert hat. Aber auch mit der verfehlten Digitalpolitik. Denn der Versuch einer repressiven Regulierung der Plattformkommunikation ist – und das war erwartbar – nach hinten losgegangen, so dass sich das rechte Lager nun gut über Angriffe auf die Meinungsfreiheit empören kann. Dennoch braucht es (andere) Regeln für die digitalisierte Öffentlichkeit, einschließlich der herkömmlichen Medien, die eine Zivilisierung des Diskurses ermöglichen – und zwar solche, die nicht politisch einseitig funktionieren. Denn der Bullshit der Dauerempörten aller Couleur (rechts wie links, oben wie unten) erdrückt die Gesellschaft.

Interview: »Diskursive Brandstiftung. Sozialwissenschaftler Holger Marcks über die Rolle von sozialen Medien und Elon Musk im Wahlkampf« (von Sebastian Bähr), in: ND, 10. Jan. 2025 (online hier).

Habituelle Intoleranz

18. Dezember 2024 |

Linke Identitätspolitik lässt sich nicht einfach an Themen festmachen. Es ist ein epistemischer Modus, in dem Wahrheiten qua Sprecherposition und nicht über den argumentativen Austausch bestimmt werden. In bildungsbürgerlichen Milieus zur politischen Kultur geworden, durchdringt dieser Modus viele politische Themen und gesellschaftliche Bereiche, bis hinein in den Alltag – zumal das neolinke Bildungsbürgertum über die kulturellen Produktionsmittel verfügt, um paternalistisch auf den Diskurs einzuwirken. Durch die damit verbundenen kognitiven Asymmetrien sind kulturelle Konflikte vorprogrammiert, die sich folgenschwer mit Klassenkonflikten überlagern. Denn linke Identitätspolitik trägt einen klassenförmigen Charakter: Sie steht für habituelle Intoleranz. Mit ihr wird das vorpolitische Feld so sortiert, dass es zu einer epistemischen Scheidung zwischen der Linken und vielen einfachen Menschen kommt. Das wiederum gibt der (extremen) Rechten die Chance, in der sozialen Breite besser politisch zu punkten. Warum auch der Wahlsieg Donald Trumps mehr mit Wokeness zu tun hat, als manche glauben mögen, habe ich für die Jungle World aufgeschrieben.

Disko: Holger Marcks, »Der Preis der Distinktion. US-Wähler straften die Demokraten für die identitätspolitische Verengung der politischen Diskussion«, in: Jungle World, Nr. 50/2024 (online hier).

Flugsandeffekt

30. November 2024 |

Gerade ist die Broschüre Popkultur von rechts des Zentrums Liberale Moderne erschienen. Darin enthalten: eine Kurzversion des Beitrags zum nazifizierten Elektrotune (Döp dö dö döp) aus der Sommer-Ausgabe von Machine Against the Rage. Am Beispiel der Dynamik rund um Sylt, wo die Empörung über die Adaption einer Naziparole auf das Konto der extremen Rechten einzahlte, erklärt er den Flugsandeffekt: ein Prozess, bei dem die Reaktion auf ein empfundenes Problem selbst als problematisch empfunden wird – und so unterschiedliche Akteure über die geteilte Kritik zusammenbringt. Folge dieser Ablagerung ist, dass der Gegenstand der Empörung zum Symbol der Kritik und damit normalisiert wird. Vor allem Politiken der Ächtung sind dafür ein guter Auslöser. Sie können Widerspruch bei allerlei Parteigängern erzeugen, die die Reaktion unverhältnismäßig, kontraproduktiv oder gar anti-demokratisch finden.

Artikel: Holger Marcks, »Der Flugsandeffekt: Wie Empörungsdynamiken der extremen Rechten nutzen«, in: Zentrum Liberale Moderne (Hg.), Popkultur von rechts, Berlin 2024, S. 36–38 (online abrufbar hier).