Neues

Alles Lüge?

24. Mai 2025 |

Vergangene Woche fand die Demokratiekonferenz in Leipzig statt. Thema dieses Jahr: »Desinformation & Demokratie«. Dort sprach ich auf dem Panel »Perspektiven auf Desinformation« mit dem Kommunikationswissenschaftler Christian Hoffmann. Zusammen boten wir einen kritischen Blick auf den öffentlichen Diskurs zu Desinformation. Erläutert wurde dabei etwa, warum Desinformation ein überschätztes Problem ist und Probleme der Wahrnehmungsdifferenz unterschätzt sind, wie das Konzept mitunter als Kampfbegriff genutzt wird und der Vereinfachung komplexer Konflikte dient, weshalb der Begriff selbst polarisierend wirken, das Vertrauen in demokratische Prozesse untergraben und der Instrumentalisierung von Ängsten dienen kann. Am Ende stand das Plädoyer für eine saubere Ursachenforschung, die auf Strukturen der politischen Identität blickt – und für eine allgemeine Förderung kritischen Denkens.

Gespräch: »Gefährdete Demokratie? Perspektiven auf Desinformation«, Panel auf der Demokratiekonferenz Leipzig, Mediencampus Villa Ida, 19. Mai 2025 (Programm hier; Kurzbericht hier).

Links-Rechts-Schwäche

22. Mai 2025 |

Die Jungle World hat eine Reihe zu Woke-Kritik gestartet. Dazu lieferte ich den zweiten Beitrag, der die übergeordnete Frage behandelt, ob in Angesicht der rechten Reaktion, die ihre Dynamik auch aus dem Kampf gegen Wokeness zieht, jene Kritik nicht zu überdenken sei. Meine Antwort ist klar: nein. Denn gerade die linke Kritik an Wokeness hat genau vor diesem Backlash stets gewarnt. Er ist die Folge einer paternalistischen Politkultur der Neolinken, mit der große Teile der Bevölkerung – auch und gerade aus den unteren Klassen – vergrätzt wurden. Darauf bauen rechte Erfolge auf. Solange das linke Lager den Klassencharakter ihrer identitätspolitischen Praxen nicht verstanden hat, wird man dem schwer etwas entgegensetzen können. Mehr noch: Der epistemische Modus der Identitätspolitik steht auch für eine intellektuelle Krise der Linken. Es ist eine antiaufklärerische Denkweise, die ähnlich wie früher der Vulgärmarxismus (Stichwort: »proletarischer Standpunkt«) höhere Wahrheiten vorgaukelt, sich in Wirklichkeit aber in dichotomen Freund-Feind-Vorstellungen ergeht. Als solche wirkt sie sektiererisch und dürfte aufgrund ihrer Verbreitung im bildungsbürgerlichen Mainstream die Polarisierungsprozesse weiter antreiben. Denn Wokeness ist noch lange nicht over. Gesamtgesellschaftlich mag sich der Wind gedreht haben; die neolinken Milieus klammern sich aber weiter daran und haben die Tragweite der Problematik bei Weitem noch nicht verstanden. Kritik an Wokeness sollte daher nicht nachlassen. Sie ist bei den allermeisten, die sie pauschal als rechte Erfindung abtun, ja nicht mal angekommen.

Disko: Holger Marcks, »Links-Rechts-Schwäche. Mittels Wokeness bestimmt das Bildungsbürgertum, was als links oder rechts gilt«, in: Jungle World, Nr. 21/2025 (online hier).

Context Matters

27. März 2025 |

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Ideas Connect« sprach ich gestern an der Technischen Hochschule Mannheim, also quasi vor meiner Haustür über den politischen Streit um Fakten. Welche Rolle spielen Fake News, Desinformation und Missverständnisse in aktuellen politischen Debatten? Wie lassen sich Wahrheit, gezielte Manipulation und schlichte Irrtümer voneinander unterscheiden? Das waren die Fragen, denen in einem interaktiven Vortrag nachgegangen wurden. Vorgestellt wurden dabei Beispiele aus dem digitalen Lagerkampf, wo Akteure einen schweren Vorwurf kassierten – und zwar aus Perspektive der Anklage. Das Publikum durfte hier selbst abstimmen, ob man den Vorwurf zutreffend findet. Daraufhin wurde in die Problematik polarisierter Wahrnehmungen eingeführt, um sich dann die Beispiele mit weiterem Kontext vorzunehmen. Abschließend wurde erneut über die Beispiel abgestimmt. Diesmal sollte man beantworten, ob es sich bei dem jeweiligen Vorwurf um die Wahrheit, eine Lüge, Bullshit oder ein Missverständnis handele. Das Ergebnis dieses Experiments: Die Einschätzungen der beiden Runden unterschieden sich zum Teil deutlich.

Vortrag: »Lüge, Bullshit, Missverständnis? Der politische Streit um Fakten«, Vortrag an der Technischen Hochschule Mannheim, 26. März 2025 (Kurzbericht siehe hier).

Hillbilly Politics

19. März 2025 |

Sie schwadronieren über »Globalisten« und verfolgen selbst eine internationale Regime-Change-Agenda. Die Verve, mit sich der Trumpisten wie Elon Musk in die Belange anderer Länder einmischen, lässt selbst die verschwörungsideologischen Soros- oder Gates-Geschichten blass erscheinen. Auch J.D. Vances Rede in München war eine beispiellose Einmischung unter westlichen Partnern. Eine Wehklage über die bedrohte Meinungsfreiheit in Europa trug er dort fort; dieses würde sich aus der westlichen Wertegemeinschaft verabschieden. Geschenkt, dass jene Einmischung wie auch die ganze Innen- und Außenpolitik der US-Regierung kaum in jener Tradition stehen – oder dass die Qualität einer Demokratie von deutlich mehr Faktoren abhängt als dem Umgang mit inzivilen Internetkommentaren. Was die Argumentation des US-Vizes und Autors von Hillbilly Elegy v.a. zu einem geistigen Armutszeugnis macht, ist das hinterwäldlerische Politikverständnis, das aus seiner bigotten free speech elegy spricht. Die Erwägungen über Meinungsfreiheit sind nicht nur ein demokratietheoretischer Totalausfall, sie haben auch nichts mit der US-Geschichte zu tun, auf die sich der angeblich Intellektuelle beruft. Warum free speech in den USA ein Mythos ist, der eine lange Geschichte der Repression gegen Andersdenkende ausblendet, und warum der Trump’sche Neofeudalismus gewiss nicht für Meinungsfreiheit steht, habe ich für die Jungle World niedergeschrieben.

Kommentar: Holger Marcks, »Free Speech Elegy: J.D. Vances Rhetorik über freie Meinungsäußerung zeugt von Ahnungslosigkeit«, in: Jungle World, Nr. 11/2025 (online hier).

Im Dorfclub

18. März 2025 |

Black Sabbath hat hier mal gespielt. Anno 1969. Als die Band um Ozzy Osbourne noch vor ihrem Durchbruch stand. Da gastierte sie in der »Manufaktur«, die ein Jahr zuvor im schwäbischen Schorndorf eröffnet wurde. Manche sagen, das sei zu dieser Zeit »der heißeste subkulturelle Club in Deutschland« gewesen, so Musikhistoriker Christoph Wagner. Bis heute zieht er mittlere Größen der Rockmusik in das beschauliche Städtchen. Und nun auch meine Wenigkeit. Gestern sprach ich dort im Ländle über unser Buch Digitaler Faschismus – und über seine Aktualität fünf Jahre nach der Veröffentlichung.

Vortrag: »Digitaler Faschismus. Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus«, im Club Manufaktur zu Schorndorf, 17. März 2025 (mehr Infos hier).

Mythos Brandmauer

17. Februar 2025 |

Zur Dysfunktionalität des gegenwärtigen Antifaschismus, dessen Handlungsmuster aus geschichtsvergessenen Situationsdefinitionen folgen, habe ich mit André Sebastiani von der GWUP gesprochen. Im Zentrum des Gesprächs, das auf dem YouTube-Kanal der Skeptischen Gesellschaft zu finden ist, steht der Mythos der sogenannten Brandmauer. Was ist darunter zu verstehen, welche Varianten bzw. Dimensionen hat der Begriff und wie werden sie (nicht) differenziert? Und welche Effekte haben die damit verbundenen Politiken; hilft Ausgrenzung – oder stärkt das am Ende sogar extremistische Kräfte? Diese Fragen behandeln wir und schauen dabei auf das, was die wissenschaftliche Empirie dazu wirklich sagen kann, wie auch auf historische Beispiele und deren mitunter verzerrende Instrumentalisierung.

Videogespräch: Skeptische Gesellschaft, »Deutschland vor der Bundestagswahl – Hilft die Debatte der AfD?«, auf: YouTube, 16. Februar 2025 (online hier).

Dilemma ohne Ende

5. Februar 2025 |

Der Dudenverlag hat gerade zwei weitere Kapitel von Digitaler Faschismus online freigegeben – als erweiterte Leseprobe. Das Buch hatten wir vor fünf Jahren geschrieben, als die Corona-Zeit gerade begann. Teil der Überlegungen war zum einen, wie sich im digitalen Raum rechtsextreme Bedrohungsnarrative aufbauen und in Fantasien einer nationalistischen Wiedererweckung übersetzen, also in das, was Roger Griffin das »faschistische Minimum« nennt (daher der Titel des Buchs). Zum anderen diskutierten wir mögliche Auswege, aber auch die Gefahren eines digitalen Antifaschismus. Manches davon würde ich heute nicht mehr genauso schreiben. Insbesondere scheint mir unterschätzt, in welchem Ausmaß sich postfaktische Dynamiken auch auf die herkömmlichen Medien übertragen. Die Grundzüge unserer Einschätzung, dass repressive Regulationsversuche und affektive Gegenrede Gefahr laufen, selbst problematisch für die Demokratie zu werden, bleibt aber so richtig wie aktuell. Durch die (fehlgeleiteten) Versuche, dem Rechtsextremismus den Motor abzudrehen, sind die Probleme gewiss nicht weniger geworden.

Leseprobe: Maik Fielitz & Holger Marcks, Digitaler Faschismus. Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus (Berlin: Dudenverlag, 2020), Kapitel 7 und 8 (online hier).

Sag jein!

30. Januar 2025 |

Hat er nun gehitlert – oder nicht? Nachdem Elon Musk bei Donald Trumps Inauguration einen skurrilen Auftritt hingelegt hatte, erhitze diese Frage ein Weilchen die Gemüter. Dabei findet man rechts wie links abermals einen starken Willen zur Eindeutigkeit: Natürlich hat er es getan – auf keinen Fall hat er es getan! Doch so einfach ist es nicht. Denn es ist durchaus plausibel, dass Musk hier eben gerade mit einer uneindeutigen Handlung provozieren wollte. Wer das ausschließt, ist nicht weniger einfältig, als die, die sich andersrum festlegen. Was in Musks Kopf abgeht, lässt sich (noch) nicht auslesen. Es bleibt der Spekulation überlassen. Wer hier trotzdem den großen Empörer mimt, tappt gar in die Skandalisierungsfalle; man bereitet damit das Feld der Gegenempörung und erzeugt mitunter Sympathie für das beschuldigte Bezugssubjekt. Warum es besser ist, öfter mal jein zu sagen, habe ich für die Jungle World kommentiert.

Kommentar: Holger Marcks, »Das kommt von Herzen. Die linke Empörung über Elon Musk tappt in die Skandalisierungsfalle«, in: Jungle World, Nr. 5/2025 (online hier).

Wurzeln des Bullshits

25. Januar 2025 |

Als zu Beginn der ersten Präsidentschaft Donald Trumps vermehrt von »Postfaktizität« und »alternativen Fakten« die Rede war, tauchte vielerorts die Zeitdiagnose auf, wir erlebten einen tiefgreifenden Wandel im politischen Diskurs: Wahrheit und Lüge würden immer mehr verschmelzen. Dazu schrieb ich damals, 2017, ein Paper, das eigentlich in einem Sammelband erscheinen sollte. Dieser kam aber letztlich nicht zustand – und der Text verschwand in der Schublade. Ich habe das Paper daher neulich zumindest mal bei Academia hochgestellt, da mir die Überlegungen darin weiterhin richtig erscheinen. Inspiriert von Adam Curtis’ HyperNormalisation, entwickelte er bereits 2017 die These, dass die Erosion rationaler Verständigung nicht nur von Rechtspopulisten gefördert wird. Sie speist sich aus unterschiedlichen ideologischen Strukturen, die auf je eigene Weise die Wirklichkeit so beugen, dass sie den eigenen Prämissen entspricht: Man richtet sich in einer Schweinwelt ein.

So hat etwa der Neoliberalismus mit seiner Lebenslüge von den Sachzwängen ebenso zur Auflösung geteilter Wahrheiten beigetragen, wie auch die identitätspolitische Linke die Autorität gefühlter Wahrheiten gestärkt hat. Postfaktische Dynamiken finden sich in diversen Milieus, die damit beschäftigt sind, ihre Widersprüche zu überspielen, und dabei Bullshit produzieren. Zugrunde liegt dem die allgemeine Ausbreitung irrationaler Strukturprinzipien, auf denen die jeweiligen Akteure ihre ideologischen Ableitungen bauen. Das Resultat dieser Konjugation von Bullshit ist eine Normalisierung des Widersinns. Und die ist günstig für autoritäre Kräfte, deren Verhältnis zur Wahrheit ohnehin ein instrumentelles ist. Das Ergebnis dieses Prozesses sehen wir heute.

Paper: Holger Marcks, Die Konjugation von Bullshit. Zur Dynamik der Hypernormalisierung (2017), auf: Academia (online hier).

Von Ratlosen beraten

19. Januar 2025 |

Neulich hat mich die Süddeutsche Zeitung gefragt, wie ich die Aktion von Katapult einordne, eine halbe Million Hefte mit (angeblichen) AfD-Zitaten verteilen zu wollen – und zwar unkommentiert. Von einem »echten AfD-Wahlprogramm« ist die Rede; es soll »zeigen, wie extrem die Partei tatsächlich ist«. Die Aktion hat viel Kritik geerntet, in deren Folge das Magazin das Vorhaben anpasste und von einer unkommentierten Verbreitung Abstand nahm. Auch ich halte den Versuch für problematisch, aber nicht für ganz falsch gedacht. Die Revision hingegen ist eine Verschlimmbesserung, die der neolinken Ratlosigkeit folgt. Warum das so ist, habe ich kurz in einem Memo dargelegt.

Schnipsel: Saladin Salem, »›Katapult‹-Aktion: Sätze zum Fürchten«, in: Süddeutsche Zeitung, 14. Januar 2025 (online hier).