Neues

Postfaktische Narrative

7. August 2024 |

Im Gegensatz zu rechtsextremen Narrativen gibt es kaum wissenschaftliche Aufmerksamkeit für Narrative über den Rechtsextremismus (siehe dazu das Video hier) – und noch weniger für die Konfliktdynamiken, die aus diesem Antagonismus resultieren (siehe dazu das Video hier). Am Beispiel des »Kampfs gegen rechts« habe ich mit André Sebastiani besprochen, welche blinde Flecken es da genau gibt und wie sich diese negativ auf die reflexiven Fähigkeiten im linken Lager auswirken. Dabei erläutern wir auch, wie Polarisierungsprozesse mit dem Homogenisierungsdruck in den eigenen Reihen zusammenhängen – und wie diese Tendenz postfaktische Narrative befördert.

Videogespräch: Skeptische Gesellschaft, »Wissenschaft im Kampf gegen Rechts (3) – Im Gespräch mit Holger Marcks«, auf: YouTube, 7. August 2024 (online hier).

Invitationskartelle

27. Juli 2024 |

Der Spiegel berichtet über unsere Studie zur Nutzung von YouTube durch rechtsextreme und familienähnliche Akteure, die gerade im Schwerpunkt unserer neuen Ausgabe von Machine Against the Rage erschienen ist. Der Titel des Artikels ist zwar ein wenig irreführend, weil die Studie nicht untersucht hat, ob »YouTube immer relevanter bei Verbreitung extrem rechter Inhalte« geworden ist, sondern vielmehr die zentrale Stellung des dortigen Videoaktivismus in einschlägigen Milieus herausarbeitet. Dennoch sind wesentliche Punkte der Untersuchung wiedergegeben. Insbesondere die Feststellung, dass sich die Akteure eifrig in ihre verschiedenen Formate gegenseitig einladen, ist von besonderer Relevanz. Denn durch diese Kollaborationsnetzwerke, die gewissermaßen Invitationskartelle darstellen, schaffen die Akteure Sichtbarkeit auch jenseits des Empfehlungsalgorithmus.

Bericht: »Desinformation: YouTube immer relevanter bei Verbreitung extrem rechter Inhalte«, in: Spiegel, Nr. 31, 26. Juli 2024 (online hier).

Video Made the Radical Star

26. Juli 2024 |

YouTube war eine Subversion des Internets – und dient heute Kräften von Rechtsaußen als wichtige Plattform der politischen Subversion. Mit der Möglichkeit, auch als Amateure Videos an ein Massenpublikum zu richten, entstand eben auch ein politisches Influencertum in rechtsextremen und familienähnlichen Milieus. Der neue Trendreport der BAG »Gegen Hass im Netz« widmet sich dieser Form des digitalen Aktivismus und untersucht dabei insbesondere, wie YouTube als Ablage für einschlägige Clips genutzt wird, auf die von anderen Plattformen wie etwa Telegram verlinkt wird. Auch die Kollaborationsnetzwerke der Akteure sind dabei von Interesse, schaffen sie doch Querverweise zwischen den rechtsubversiven Inhalten, die damit auch unabhängig von vom Empfehlungsalgorithmus sichtbar werden. Außerdem wird im Report die Nazifizierung von Gigi D’Agostinos »L‘amour toujours« analysiert. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie die Skandalisierung der Praxis, den Elektro-Tune mit einer xenophoben Parole zu überschreiben, zur Verbreitung eben jener Praxis beigetragen hat.

Release: Machine Against the Rage, »Video Made the Radical Star. Digitale Clips zwischen Agitation und Empörung«, Ausgabe Nr. 6 des Trendreports der BAG »Gegen Hass im Netz«, Sommer 2024 (online hier).

Schalom Aleikum

27. Juni 2024 |

So nennt sich die Denkfabrik des Zentralrats der Juden in Deutschland. Am 27. Juni 2024 führte diese eine Bildungsfachtagung in der Akademie des Jüdischen Museums Berlin durch. Thema waren die Veränderungen im digitalen Dialog seit dem Pogrom vom 7. Oktober mit Blick auf Antisemitismus und Rassismus. Auf dem abschließenden Podiumsgespräch sprach ich – neben Hanna Veiler und Ali Ghandour, moderiert von Shelly Kupferberg – über Handlungsoptionen gegen Hass im Netz. Gewohnt kritisch standen dabei die Fallstricke von Online-Aktivismus und digitaler Gegenrede im Mittelpunkt.

Podiumsdiskussion: »Handlungsoptionen gegen Hass im Netz«, moderiertes Podiumsgespräch auf der Bildungsfachtagung »Grenzen des Sagbaren. Bildung gegen Hate Speech«, 27. Juni 2024 (mehr Infos hier).

Wie ein Bumerang

19. Juni 2024 |

Anfang des Jahres, als die »Demos gegen rechts« ihren Lauf nahmen, schrieb ich etwas für eine Kulturzeitschrift. Der Beitrag argumentierte, dass die auf Ächtung der AfD abzielende politische Pädagogik, die da aufscheint, nicht funktionieren werde; dass es dem neuen Anti-Faschismus an einem Verständnis der Klassenaspekte hinter dem blauen Erfolg mangele; dass man v.a. im Osten, wo die Lage besonders ernst ist, noch mehr Leute von sich wegstoßen werde; dass die Blauen allenfalls Raum an das BSW abgeben werden. Leider war kein Einvernehmen mit der Redaktion zu erreichen; zu »steil« fand man die Analyse. Nun sind ein paar Monate ins Land gegangen: Die Europawahl hat dem linken Lager eine Schlappe beschert, die AfD ist relativ stabil und zieht v.a. bei den Arbeitern. Zugleich zeigen Umfragen im Osten, dass die Ächtung nicht goutiert wird; Wagenknecht hingegen räumt ab. Es stehen unbequeme Ergebnisse bei den Landtagswahlen bevor. Für mich Anlass, den Beitrag von damals hier noch als Memo zu dokumentieren.

Memo: »Gruppendenken in seinem Lauf. Anmerkungen zur politischen Pädagogik gegen rechts«, 13. Februar 2024 (online hier).

Der allerhärteste Weg

2. Juni 2024 |

Schöne große Schubladen machen das Leben einfach. Man kann sich sicher sein und komfortabel im Kollektiv einrichten. Der »allerhärteste Weg« ist hingegen der, »den du immer nur voller Zweifel gehst« (…But Alive, »Grau«). In digitalen Zeiten geht der Trend noch mehr zum Lagerdenken; Stimmen, die die Gewissheiten in ihren Milieus hinterfragen, werden schnell dem feindlichen Lager zugerechnet. In die Mangel genommen werden so die kritischen Kräfte, die für Differenzierung und Vermittlung stehen. Über dieses Problem sprach ich bereits im letzten Jahr mit Philipp Hübl, der sich mit Fragen der Polarisierung aus moralpsychologischer Perspektive befasst. Das Gespräch diente dazu, mir ein besseres Verständnis von der Psychologie des Lagerdenkens zu verschaffen. Insbesondere interessierte mich, wie der gruppendynamische Eifer zustande kommt, politische Probleme stark zu vereinfachen und Aussagen anderer so zu vereindeutigen, dass ein moralischer Druck entsteht, von differenzierten Perspektiven Abstand zu nehmen. Da das Gespräch weiterhin sehr erhellend ist, um aktuelle gesellschaftspolitische Dynamiken zu verstehen, soll es hier in Gänze dokumentiert sein.

Memo: »Im Sog der eifrigen Vereinfacher. Gespräch mit Philipp Hübl über die Psychologie des Lagerdenkens«, 2. Juni 2024 (online hier).

Teil des Problems

27. Mai 2024 |

Es ist die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird: Warum profitieren Rechtsaußenakteure so sehr von den sozialen Medien – und was kann man dagegen tun? Auch für die Friedrich-Naumann-Stiftung sollte ich hierzu etwas sagen, in einem Webtalk mit der TikTok-Creatorin Mischa, moderiert von Politikberater Martin Fuchs (nicht, aber leicht zu verwechseln mit Christian Fuchs). Wie immer mögen meine Antworten manche überraschen. Den vorherrschenden Praxen »gegen rechts« stehe ich immerhin kritisch gegenüber. Sie sind Teil des Problems – und gehören in Zeiten hyperpolitischer Interaktionsdynamiken zwangsläufig zur Erklärung rechtsextremer Erfolge dazu. Plastisch vor Augen gehalten bekommen wir das gerade in diesen Tagen, wo sich ein ausländerfeindlicher Ohrwurm in die Köpfe der Nation frisst: ein Hype, der ohne die kopflosen Bemühungen, ihn zu skandalisieren, nicht denkbar wäre. Es ist, als wolle man linkerseits sicherstellen, dass der nazifizierte Elektro-Tune diesen Sommer auf jedem Dorffest gegrölt wird. Darüber wird an anderer Stelle noch zu reden sein. Hier sei nur auf ein älteres Memo von mir verwiesen, das die zivilgesellschaftlichen Handlungsperspektiven im Umgang mit dem digitalisierten Rechtsextremismus analysiert. Es bildete auch den Rahmen für meine fragmentarischen Beiträge im Naumann-Webtalk.

Webtalk: »Warum sind Extremisten/Populisten online so erfolgreich – und wie Demokrat:innen darauf reagieren sollten«, Veranstaltung des Länderbüros Norddeutschland der Friedrich-Naumann-Stiftung am 27. Mai 2024 (mehr Infos hier; altes Memo da).

Todesspiele

23. Mai 2024 |

Düsseldorf spielt mal wieder in der Relegation für die 1. Bundesliga. Das ist nicht etwa erwähnenswert, weil die Fortuna ein toller Verein wäre; wie auch die dazugehörige Stadt ist er maßlos überbewertet. Erwähnung findet das allein deshalb, weil jener reizlose Club bereits vor zwölf Jahren an der Relegation teilnahm – und sich unfair gegen die gänzlich überflüssige Hertha aus Berlin durchsetzte. Fortuna-Fans stürmten damals frühzeitig den Platz, sorgten für eine lange Spielunterbrechung, belagerten die Seitenlinien und veranlassten schließlich einen frühzeitigen Abpfiff. Dass das Sportgericht die Wettbewerbsverzerrung nicht ahndete, dürfte v.a. damit zu tun haben, dass man die Diskussion um die Relegation nicht weiter verkomplizieren wollte. Das Konzept war erst drei Jahre zuvor, nach 18-jähriger Pause, wieder eingeführt worden – und ist bis heute so umstritten wie Düsseldorf langweilig ist. Was es mit der Kontroverse auf sich hat und welche Emotionalität mit den »Todesspielen« einhergeht, darüber habe ich damals für die Jungle World geschrieben.

Throwback: Holger Marcks, »Hysterie vorm Sportgericht. Über das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC«, in: Jungle World, Nr. 2012/12 (online hier).

Nach Augsburg

14. Mai 2024 |

Der GWUP-Richtungsstreit ist vorerst entschieden. Wie Gunnar Schedel vom linken Alibri-Verlag berichtet, wurde »Team Sebastiani« auf der Versammlung in Augsburg zum neuen Vorstand gewählt. Damit schließt sich ein Kapitel des Konflikts, der von einigen gerne durch die Brille einer persönlichen Fehde betrachtet wird. Aus konfliktsoziologischer Sicht ist das wenig erhellend. Wo Konflikte eskalieren, ist es üblich, dass auf beiden Seiten Unrühmliches geschieht – auch wenn man subjektiv über Verfehlungen der ›eigenen‹ Seite eher hinwegsieht. Das bringen die »durchschnittlichen Defekte der Menschen« mit sich, wie es Max Weber nennt. Sie sind einzupreisen, wenn man Schritte unternimmt, die eine Eskalation in Gang setzen. Und im Falle der GWUP markiert diesen Punkt eben nicht die einsetzende Woke-Kritik, die mit ihrer Problematisierung eines abstrakten Phänomens bloß einen inhaltlichen Streit begründet, sondern eben die Reaktion darauf, die konkrete Mitglieder der politischen Ächtung preisgab. Warum die dabei erhobenen Vorwürfe zwangsläufig eine Eskalation auslösen, wie dieser Konflikt normativ strukturiert ist und welche populären Vereinfachungen bzw. Irrtümer diese Vorwürfe anleiten, habe ich ausführlich in einem Memo erläutert.

Das von »Team Hümmler« vorgetragene Framing schafft eben Unvereinbarkeiten. Das Verdikt, es handele sich bei einer substantiellen Kritik an Wokeness und den sog. Critical Studies per se um etwas, dass der extremen Rechten Vorschub leiste oder gar selbst extremistisch sei, impliziert nämlich, dass es sich dabei um etwas nicht Tolerables handele. Denn dass eine »anti-progressive Agenda« nichts in der GWUP verloren hat, versteht sich von selbst. Das Deutungsangebot der Gegenseite hingegen erlaubt eine Co-Existenz. Es erkennt die guten Absichten des »Woke-Phänomens« an, kritisiert aber dessen Denkfehler, Inkohärenzen, Vereinfachungen, unbeabsichtigten Effekte. Der damit verbundene Vorwurf des dogmatischen Progressivismus mag nicht schmeichelhaft sein; er konstituiert aber lediglich eine innerprogressive Gegnerschaft, wo gegensätzliche Perspektiven jeweils kritikabel und aushaltbar sind. »Team Hümmler« aber hat es – bewusst oder unbewusst – auf Entfremdung und Verfeindung angelegt. Reaktionen auf den Wahlausgang, die von einer streng manichäischen Wahrnehmung zeugen und die GWUP gar in Verbindung mit dem Rechtsterrorismus bringen, bestätigen diese dichotome Vereindeutigung und Radikalisierung.

Ich selbst werde mich für einen konsequenten Skeptizismus in den Sozialwissenschaften einsetzen. In Zeiten einer »Epistemisierung des Politischen« unterliegen sie einer verstärkten Instrumentalisierung. Es bedarf einer kritischen Prüfung von gesellschaftspolitischen Positionen, die sich in den Mantel der Wissenschaft hüllen und so einen starken Einfluss nicht nur auf unser Zusammenleben und unsere Lebensqualität haben, sondern auch in Form moralischen Drucks auf den Wissenschaftsbetrieb zurückwirken. Dass sich hier äußerst simple Gewissheiten breit machen, die das kritische Denken beeinträchtigen und gesellschaftlich polarisieren, zeigt der GWUP-Fall selbst. Denn jenes Framing, das für die Frontenbildung konstitutiv war, ist bereits Folge der Diffusion solcher politisch-normativen Gewissheiten, die manchen als unhinterfragbar gelten. Einer wissenschaftlich-typologischen Betrachtung, ob und inwiefern es sich bei Formen der Woke-Kritik tatsächlich um »neurechte« Einflüsse handelt, hat sich »Team Hümmler« von Anfang an entzogen. Das Verdikt war nicht Folge wissenschaftlicher Auseinandersetzung; die Auseinandersetzung war Folge eines politischen Verdikts. Das kann nicht Anspruch des wissenschaftlichen Skeptizismus sein.

Bericht: Gunnar Schedel, »Die GWUP hat einen neuen Vorstand. Der Richtungsstreit bei den deutschen Skeptikern ist erstmal entschieden«, auf: Humanistischer Pressedienst, 13. Mai 2024 (Bericht hier; Memo da).

Kampf der Narrative

5. April 2024 |

Rechtsextremen Narrativen stehen Narrative über den Rechtsextremismus gegenüber, die auch durch Rückgriff auf die Wissenschaft konstruiert werden (siehe dazu das Video hier). Wie diese antagonistischen Narrative ein kommunikatives System bilden, das eine Eigendynamik entwickelt, darüber habe ich wieder mal mit André Sebastiani von der Skeptischen Gesellschaft, einer Plattform von GWUP-Mitgliedern, gesprochen. Dabei erörtern wir, wie sich politische Emotionen aufschaukeln, wie Abstoßungseffekte zustande kommen und welche Konfliktroutinen die Dynamik strukturieren.

Videogespräch: Skeptische Gesellschaft, »Wissenschaft im Kampf gegen Rechts (2) – Im Gespräch mit Holger Marcks«, auf: YouTube, 5. April 2024 (online hier).