Neues

Habituelle Intoleranz

18. Dezember 2024 |

Linke Identitätspolitik lässt sich nicht einfach an Themen festmachen. Es ist ein epistemischer Modus, in dem Wahrheiten qua Sprecherposition und nicht über den argumentativen Austausch bestimmt werden. In bildungsbürgerlichen Milieus zur politischen Kultur geworden, durchdringt dieser Modus viele politische Themen und gesellschaftliche Bereiche, bis hinein in den Alltag – zumal das neolinke Bildungsbürgertum über die kulturellen Produktionsmittel verfügt, um paternalistisch auf den Diskurs einzuwirken. Durch die damit verbundenen kognitiven Asymmetrien sind kulturelle Konflikte vorprogrammiert, die sich folgenschwer mit Klassenkonflikten überlagern. Denn linke Identitätspolitik trägt einen klassenförmigen Charakter: Sie steht für habituelle Intoleranz. Mit ihr wird das vorpolitische Feld so sortiert, dass es zu einer epistemischen Scheidung zwischen der Linken und vielen einfachen Menschen kommt. Das wiederum gibt der (extremen) Rechten die Chance, in der sozialen Breite besser politisch zu punkten. Warum auch der Wahlsieg Donald Trumps mehr mit Wokeness zu tun hat, als manche glauben mögen, habe ich für die Jungle World aufgeschrieben.

Disko: Holger Marcks, »Der Preis der Distinktion. US-Wähler straften die Demokraten für die identitätspolitische Verengung der politischen Diskussion«, in: Jungle World, Nr. 50/2024 (online hier).

Flugsandeffekt

30. November 2024 |

Gerade ist die Broschüre Popkultur von rechts des Zentrums Liberale Moderne erschienen. Darin enthalten: eine Kurzversion des Beitrags zum nazifizierten Elektrotune (Döp dö dö döp) aus der Sommer-Ausgabe von Machine Against the Rage. Am Beispiel der Dynamik rund um Sylt, wo die Empörung über die Adaption einer Naziparole auf das Konto der extremen Rechten einzahlte, erklärt er den Flugsandeffekt: ein Prozess, bei dem die Reaktion auf ein empfundenes Problem selbst als problematisch empfunden wird – und so unterschiedliche Akteure über die geteilte Kritik zusammenbringt. Folge dieser Ablagerung ist, dass der Gegenstand der Empörung zum Symbol der Kritik und damit normalisiert wird. Vor allem Politiken der Ächtung sind dafür ein guter Auslöser. Sie können Widerspruch bei allerlei Parteigängern erzeugen, die die Reaktion unverhältnismäßig, kontraproduktiv oder gar anti-demokratisch finden.

Artikel: Holger Marcks, »Der Flugsandeffekt: Wie Empörungsdynamiken der extremen Rechten nutzen«, in: Zentrum Liberale Moderne (Hg.), Popkultur von rechts, Berlin 2024, S. 36–38 (online abrufbar hier).

Artificial Intolerance

31. Oktober 2024 |

Die digitale Welt verändert sich gerade rasend. KI macht es möglich. Auch im politischen Wettbewerb wird sie bereits eingesetzt, etwa in Form generativer KI: rein synthetisch erstellte Bilder etwa. Für die neue Ausgabe von Machine Against the Rage haben wir uns angeschaut, wie es um die Nutzung solchen Materials in rechtsextremen und familienähnlichen Milieus auf Telegram bestellt ist – und das im Vorfeld der jüngsten Landtagswahlen im Osten. Die Analyse zeigt, dass es kein Übermaß davon gibt, aber eine schleichende Normalisierung festzustellen ist. Die Wirkkraft solcher Bilder speist sich aus ihrer Ambivalenz, einerseits anrüchig, weil manipulativ zu sein – und andererseits im Begriff, als pragmatische Art der Bildnutzung akzeptiert zu werden. Die Potentiale ihrer Weiterentwicklung sind schwer einschätzbar – ebenso wie die Folgen für politische Kommunikation.

Release: Machine Against the Rage, »Artificial Intolerance. Künstliche Intelligenz im Bildermarkt des Hasses«, Ausgabe Nr. 7 des Trendreports der BAG »Gegen Hass im Netz«, Herbst 2024 (online hier).

Terribly Puzzling

30. Oktober 2024 |

Es ist die wohl wahnwitzigste Personalentscheidung der Gegenwartsgeschichte. Und seltsamerweise scheint das die deutsche Öffentlichkeit wenig zu beschäftigen. Warum die hierzulande weitverbreitete Hoffnung, Kamala Harris würde Donald Trump nächste Woche bei den US-Präsidentschaftswahlen schlagen, wenig mit der tatsächlichen Situation am Vorabend der Schicksalswahl zu tun hat, habe ich in einem Memo aufgeschrieben: über Probleme des US-Wahlsystems; das Risiko, das mit der Kür Harris‘ zur Kandidatin verbunden war; die Abstoßungseffekte, die von ihr ausgehen; die Vernunftwidrigkeit dieser Entscheidung und auch ihre Tragweite. Egal, wie das Ganze ausgeht (wahrscheinlich wird Trump deutlich gewinnen), es täte eine Debatte gut, was eigentlich los ist mit der amerikanischen, aber auch anderen Demokratien, dass das Personal, das überhaupt zur Auswahl kommt, uns häufig nur die Wahl zwischen Pest und Cholera lässt.

Memo: »Why the Fuck Harris? Anmerkungen zum möglichen Wahlsieg Donald Trumps«, 29. Oktober 2024 (online hier).

Vorsicht Influencer!

25. Oktober 2024 |

Der Kreisjugendring München-Stadt lud am Wochenende zum Social-Media-Kongress. Unter dem Titel »Influence Democracy« gab es für junge Leute Workshops dazu, wie praktische Demokratiearbeit im Netz aussehen kann. Die große Frage des von Laura Pulz solide organisierten Events war denn auch, wie demokratische Werte im digitalen Raum gestärkt werden können. Auf dem Eröffnungspodium war auch ich zugegen, nicht ohne auf die problematischen Seiten digitaler Interventionsversuche zu verweisen. Auch zu beachten ist, dass die zunehmende Bedeutung von Influencern ganz generell Probleme für die Demokratie bereithält.

Podiumsdiskussion: Im Rahmen des Social-Media-Kongresses »Influence Democracy« im COKREA München, 25. Oktober 2024 (mehr Infos hier).

Digitaler Faschismus konkret

24. September 2024 |

Zusammen mit Maik Fielitz habe ich dem Konkret-Magazin ein Interview gegeben. Darin erläutern wir die wichtigsten Mechanismen im Zusammenspiel zwischen der Funktionsweise sozialer Medien und rechtsextremen Strategien, die wir in unserem Buch als Motor des Rechtsextremismus beschreiben. Gleichwohl sollte man es sich nicht zu einfach machen. Rechte Erfolge und linke Misserfolge erklären sich damit allein nicht. Die Probleme des linken Lagers sind grundlegender, als dass sie sich durch eine bessere digitale Performance lösen ließen.

Interview: »›Die sozialen Medien offenbaren das dystopische Potential von basisdemokratischen Strukturen‹. Interview mit Holger Marcks und Maik Fielitz über ihr Buch Digitaler Faschismus«, in: Konkret, Nr. 10/2024 (online hier).

Geistiger Pauperismus

11. August 2024 |

Eine linke Kritik an (neo-)linker Identitätspolitik bzw. Wokeness ist unerlässlich, um die Krise der Linken und die Stärke der Rechten zu erklären. Einst war sie Teil der innerlinken Debatten, bevor sie durch den vulgären talking point, man bediene damit rechte oder gar rechtsextreme Narrative ins Abseits gestellt wurde. Nun, wo die Fadenscheinigkeit dieser Kritikimmunisierung immer deutlicher wird, drängt linke Woke-Kritik zurück auf die Tagesordnung. Sie kann zeigen, welche Vereinfachungen den neolinken Diskurs prägen, der vielen die Sicht darauf nimmt, was ihre Politik anrichtet. Was diese geistige Verarmung ausmacht, die mitunter Züge einer Vertrottelung annimmt, haben Felix Zimmermann und ich mit dem Streamer Imp diskutiert.

Videogespräch: Impimpimp, »Wokeness-Kritik von Links mit Holger Marcks & Felix Zimmermann«, auf: YouTube, 10. August 2024 (online hier).

It’s the content, stupid!

9. August 2024 |

Für das ND hat sich Sebastian Bähr umgehört, was die politische Linke tun kann gegen die rechtsextremen Erfolge im digitalen Raum. Die naheliegendste Antwort: Selbst an größeren Reichweiten arbeiten, mit den entsprechenden Formaten und Techniken, die Aufmerksamkeit erzeugen. Warum der Blick auf die Reichweiten vernebelt, was das eigentliche Problem ist, dazu durfte ich etwas in einem Hintergrundgespräch erzählen, wovon Teile in dem Text wiedergegeben werden. Teaser: Wenn die Inhalte der Linken an sich nicht in der breiteren Gesellschaft resonanzfähig sind und sogar Abstoßung erzeugen – und das tun sie derzeit –, dann wird mehr Reichweite eher den gegenteiligen Effekt haben.

Schnipsel: Sebastian Bähr, »Linke auf Tiktok und Co.: Kurzvideos gegen Nazis«, in: ND, 9. August 2024 (Artikel hier).

Postfaktische Narrative

7. August 2024 |

Im Gegensatz zu rechtsextremen Narrativen gibt es kaum wissenschaftliche Aufmerksamkeit für Narrative über den Rechtsextremismus (siehe dazu das Video hier) – und noch weniger für die Konfliktdynamiken, die aus diesem Antagonismus resultieren (siehe dazu das Video hier). Am Beispiel des »Kampfs gegen rechts« habe ich mit André Sebastiani besprochen, welche blinde Flecken es da genau gibt und wie sich diese negativ auf die reflexiven Fähigkeiten im linken Lager auswirken. Dabei erläutern wir auch, wie Polarisierungsprozesse mit dem Homogenisierungsdruck in den eigenen Reihen zusammenhängen – und wie diese Tendenz postfaktische Narrative befördert.

Videogespräch: Skeptische Gesellschaft, »Wissenschaft im Kampf gegen Rechts (3) – Im Gespräch mit Holger Marcks«, auf: YouTube, 7. August 2024 (online hier).

Invitationskartelle

27. Juli 2024 |

Der Spiegel berichtet über unsere Studie zur Nutzung von YouTube durch rechtsextreme und familienähnliche Akteure, die gerade im Schwerpunkt unserer neuen Ausgabe von Machine Against the Rage erschienen ist. Der Titel des Artikels ist zwar ein wenig irreführend, weil die Studie nicht untersucht hat, ob »YouTube immer relevanter bei Verbreitung extrem rechter Inhalte« geworden ist, sondern vielmehr die zentrale Stellung des dortigen Videoaktivismus in einschlägigen Milieus herausarbeitet. Dennoch sind wesentliche Punkte der Untersuchung wiedergegeben. Insbesondere die Feststellung, dass sich die Akteure eifrig in ihre verschiedenen Formate gegenseitig einladen, ist von besonderer Relevanz. Denn durch diese Kollaborationsnetzwerke, die gewissermaßen Invitationskartelle darstellen, schaffen die Akteure Sichtbarkeit auch jenseits des Empfehlungsalgorithmus.

Bericht: »Desinformation: YouTube immer relevanter bei Verbreitung extrem rechter Inhalte«, in: Spiegel, Nr. 31, 26. Juli 2024 (online hier).