Neues

Team Bullshit

16. Januar 2025 |

In den Farben getrennt, in der Unsachlichkeit vereint. So lässt sich das Verhältnis zwischen manchen politischen Akteuren beschreiben, die sich nominell spinnefeind sind. Anlässlich der Debatten zum Anschlag in Magdeburg habe ich für die Jungle World etwas zur Reflexionsunfähigkeit der digitalisierten Gesellschaft geschrieben. Gerade an diesem Beispiel zeigt sich, dass affektives Denken ein Problem ist, das beide Seiten im digitalen Lagerkampf betrifft. Denn dass wir in postfaktischen Zeiten leben, hat weniger mit den (durchaus vorhandenen) Lügen bestimmter Akteure zu tun als mit gruppendynamischen Prozessen in verschiedenen Milieus. Vereinfacher und Emotionalisierer, die sich die Fakten für‘s eigene Team zurechtbiegen, gibt es links wie rechts – und in den sozialen Medien werden sie gar tonangebend in den jeweiligen Milieus. So sind es am einen Tag Rechte, die Bullshit produzieren, am nächsten Linke (auch wenn das unterschiedlich gefährlich sein mag). Wenn man mal richtig liegt, dann geschieht das zufällig – abhängig davon, ob sich der Affekt gerade mit der Realität deckt. Es sieht daher nur oberflächlich so aus, als würden sie gegeneinander spielen. Tatsächlich spielen sie zusammen im Team Bullshit. Zeit, dass sich milieuübergreifend ein Team Aufklärung bildet, das ihm Paroli bietet: ein Lager gegen die Polarisierer.

Kommentar: Holger Marcks, »Fürs eigene Team die Fakten biegen. Wie soziale Medien unreflektiertes Gruppendenken fördern«, in: Jungle World, Nr. 2/2025 (online hier).

Mitten im Backlash

10. Januar 2025 |

Für die Zeitung, die das »eues« und das »eutschland« aus ihrem Namen gestrichen hat, habe ich ein paar Fragen zur Rolle der sozialen Medien im deutschen Wahlkampf beantwortet. Dabei lag der Fokus des Interesses auf der extremen Rechten. Den strategischen Anteil ihres digitalen Erfolgs sollte man jedoch nicht überbewerten; er basiert nämlich stark auf Eigendynamiken, die sozio-politischen bzw. politisch-kulturellen Konfliktlinien folgen. Und die haben viel mit der Verfasstheit des linken Lagers zu tun, das in seinem moralischen Eifer ein postfaktisches Klima mindestens co-produziert hat. Aber auch mit der verfehlten Digitalpolitik. Denn der Versuch einer repressiven Regulierung der Plattformkommunikation ist – und das war erwartbar – nach hinten losgegangen, so dass sich das rechte Lager nun gut über Angriffe auf die Meinungsfreiheit empören kann. Dennoch braucht es (andere) Regeln für die digitalisierte Öffentlichkeit, einschließlich der herkömmlichen Medien, die eine Zivilisierung des Diskurses ermöglichen – und zwar solche, die nicht politisch einseitig funktionieren. Denn der Bullshit der Dauerempörten aller Couleur (rechts wie links, oben wie unten) erdrückt die Gesellschaft.

Interview: »Diskursive Brandstiftung. Sozialwissenschaftler Holger Marcks über die Rolle von sozialen Medien und Elon Musk im Wahlkampf« (von Sebastian Bähr), in: ND, 10. Jan. 2025 (online hier).

Habituelle Intoleranz

18. Dezember 2024 |

Linke Identitätspolitik lässt sich nicht einfach an Themen festmachen. Es ist ein epistemischer Modus, in dem Wahrheiten qua Sprecherposition und nicht über den argumentativen Austausch bestimmt werden. In bildungsbürgerlichen Milieus zur politischen Kultur geworden, durchdringt dieser Modus viele politische Themen und gesellschaftliche Bereiche, bis hinein in den Alltag – zumal das neolinke Bildungsbürgertum über die kulturellen Produktionsmittel verfügt, um paternalistisch auf den Diskurs einzuwirken. Durch die damit verbundenen kognitiven Asymmetrien sind kulturelle Konflikte vorprogrammiert, die sich folgenschwer mit Klassenkonflikten überlagern. Denn linke Identitätspolitik trägt einen klassenförmigen Charakter: Sie steht für habituelle Intoleranz. Mit ihr wird das vorpolitische Feld so sortiert, dass es zu einer epistemischen Scheidung zwischen der Linken und vielen einfachen Menschen kommt. Das wiederum gibt der (extremen) Rechten die Chance, in der sozialen Breite besser politisch zu punkten. Warum auch der Wahlsieg Donald Trumps mehr mit Wokeness zu tun hat, als manche glauben mögen, habe ich für die Jungle World aufgeschrieben.

Disko: Holger Marcks, »Der Preis der Distinktion. US-Wähler straften die Demokraten für die identitätspolitische Verengung der politischen Diskussion«, in: Jungle World, Nr. 50/2024 (online hier).

Flugsandeffekt

30. November 2024 |

Gerade ist die Broschüre Popkultur von rechts des Zentrums Liberale Moderne erschienen. Darin enthalten: eine Kurzversion des Beitrags zum nazifizierten Elektrotune (Döp dö dö döp) aus der Sommer-Ausgabe von Machine Against the Rage. Am Beispiel der Dynamik rund um Sylt, wo die Empörung über die Adaption einer Naziparole auf das Konto der extremen Rechten einzahlte, erklärt er den Flugsandeffekt: ein Prozess, bei dem die Reaktion auf ein empfundenes Problem selbst als problematisch empfunden wird – und so unterschiedliche Akteure über die geteilte Kritik zusammenbringt. Folge dieser Ablagerung ist, dass der Gegenstand der Empörung zum Symbol der Kritik und damit normalisiert wird. Vor allem Politiken der Ächtung sind dafür ein guter Auslöser. Sie können Widerspruch bei allerlei Parteigängern erzeugen, die die Reaktion unverhältnismäßig, kontraproduktiv oder gar anti-demokratisch finden.

Artikel: Holger Marcks, »Der Flugsandeffekt: Wie Empörungsdynamiken der extremen Rechten nutzen«, in: Zentrum Liberale Moderne (Hg.), Popkultur von rechts, Berlin 2024, S. 36–38 (online abrufbar hier).

Artificial Intolerance

31. Oktober 2024 |

Die digitale Welt verändert sich gerade rasend. KI macht es möglich. Auch im politischen Wettbewerb wird sie bereits eingesetzt, etwa in Form generativer KI: rein synthetisch erstellte Bilder etwa. Für die neue Ausgabe von Machine Against the Rage haben wir uns angeschaut, wie es um die Nutzung solchen Materials in rechtsextremen und familienähnlichen Milieus auf Telegram bestellt ist – und das im Vorfeld der jüngsten Landtagswahlen im Osten. Die Analyse zeigt, dass es kein Übermaß davon gibt, aber eine schleichende Normalisierung festzustellen ist. Die Wirkkraft solcher Bilder speist sich aus ihrer Ambivalenz, einerseits anrüchig, weil manipulativ zu sein – und andererseits im Begriff, als pragmatische Art der Bildnutzung akzeptiert zu werden. Die Potentiale ihrer Weiterentwicklung sind schwer einschätzbar – ebenso wie die Folgen für politische Kommunikation.

Release: Machine Against the Rage, »Artificial Intolerance. Künstliche Intelligenz im Bildermarkt des Hasses«, Ausgabe Nr. 7 des Trendreports der BAG »Gegen Hass im Netz«, Herbst 2024 (online hier).

Terribly Puzzling

30. Oktober 2024 |

Es ist die wohl wahnwitzigste Personalentscheidung der Gegenwartsgeschichte. Und seltsamerweise scheint das die deutsche Öffentlichkeit wenig zu beschäftigen. Warum die hierzulande weitverbreitete Hoffnung, Kamala Harris würde Donald Trump nächste Woche bei den US-Präsidentschaftswahlen schlagen, wenig mit der tatsächlichen Situation am Vorabend der Schicksalswahl zu tun hat, habe ich in einem Memo aufgeschrieben: über Probleme des US-Wahlsystems; das Risiko, das mit der Kür Harris‘ zur Kandidatin verbunden war; die Abstoßungseffekte, die von ihr ausgehen; die Vernunftwidrigkeit dieser Entscheidung und auch ihre Tragweite. Egal, wie das Ganze ausgeht (wahrscheinlich wird Trump deutlich gewinnen), es täte eine Debatte gut, was eigentlich los ist mit der amerikanischen, aber auch anderen Demokratien, dass das Personal, das überhaupt zur Auswahl kommt, uns häufig nur die Wahl zwischen Pest und Cholera lässt.

Memo: »Why the Fuck Harris? Anmerkungen zum möglichen Wahlsieg Donald Trumps«, 29. Oktober 2024 (online hier).

Vorsicht Influencer!

25. Oktober 2024 |

Der Kreisjugendring München-Stadt lud am Wochenende zum Social-Media-Kongress. Unter dem Titel »Influence Democracy« gab es für junge Leute Workshops dazu, wie praktische Demokratiearbeit im Netz aussehen kann. Die große Frage des von Laura Pulz solide organisierten Events war denn auch, wie demokratische Werte im digitalen Raum gestärkt werden können. Auf dem Eröffnungspodium war auch ich zugegen, nicht ohne auf die problematischen Seiten digitaler Interventionsversuche zu verweisen. Auch zu beachten ist, dass die zunehmende Bedeutung von Influencern ganz generell Probleme für die Demokratie bereithält.

Podiumsdiskussion: Im Rahmen des Social-Media-Kongresses »Influence Democracy« im COKREA München, 25. Oktober 2024 (mehr Infos hier).

Digitaler Faschismus konkret

24. September 2024 |

Zusammen mit Maik Fielitz habe ich dem Konkret-Magazin ein Interview gegeben. Darin erläutern wir die wichtigsten Mechanismen im Zusammenspiel zwischen der Funktionsweise sozialer Medien und rechtsextremen Strategien, die wir in unserem Buch als Motor des Rechtsextremismus beschreiben. Gleichwohl sollte man es sich nicht zu einfach machen. Rechte Erfolge und linke Misserfolge erklären sich damit allein nicht. Die Probleme des linken Lagers sind grundlegender, als dass sie sich durch eine bessere digitale Performance lösen ließen.

Interview: »›Die sozialen Medien offenbaren das dystopische Potential von basisdemokratischen Strukturen‹. Interview mit Holger Marcks und Maik Fielitz über ihr Buch Digitaler Faschismus«, in: Konkret, Nr. 10/2024 (online hier).

Geistiger Pauperismus

11. August 2024 |

Eine linke Kritik an (neo-)linker Identitätspolitik bzw. Wokeness ist unerlässlich, um die Krise der Linken und die Stärke der Rechten zu erklären. Einst war sie Teil der innerlinken Debatten, bevor sie durch den vulgären talking point, man bediene damit rechte oder gar rechtsextreme Narrative ins Abseits gestellt wurde. Nun, wo die Fadenscheinigkeit dieser Kritikimmunisierung immer deutlicher wird, drängt linke Woke-Kritik zurück auf die Tagesordnung. Sie kann zeigen, welche Vereinfachungen den neolinken Diskurs prägen, der vielen die Sicht darauf nimmt, was ihre Politik anrichtet. Was diese geistige Verarmung ausmacht, die mitunter Züge einer Vertrottelung annimmt, haben Felix Zimmermann und ich mit dem Streamer Imp diskutiert.

Videogespräch: Impimpimp, »Wokeness-Kritik von Links mit Holger Marcks & Felix Zimmermann«, auf: YouTube, 10. August 2024 (online hier).

It’s the content, stupid!

9. August 2024 |

Für das ND hat sich Sebastian Bähr umgehört, was die politische Linke tun kann gegen die rechtsextremen Erfolge im digitalen Raum. Die naheliegendste Antwort: Selbst an größeren Reichweiten arbeiten, mit den entsprechenden Formaten und Techniken, die Aufmerksamkeit erzeugen. Warum der Blick auf die Reichweiten vernebelt, was das eigentliche Problem ist, dazu durfte ich etwas in einem Hintergrundgespräch erzählen, wovon Teile in dem Text wiedergegeben werden. Teaser: Wenn die Inhalte der Linken an sich nicht in der breiteren Gesellschaft resonanzfähig sind und sogar Abstoßung erzeugen – und das tun sie derzeit –, dann wird mehr Reichweite eher den gegenteiligen Effekt haben.

Schnipsel: Sebastian Bähr, »Linke auf Tiktok und Co.: Kurzvideos gegen Nazis«, in: ND, 9. August 2024 (Artikel hier).